Selbstlosigkeit

0
22
views

Zwei buddhistische Mönche wandeln schweigend an einem Fluss entlang. Nach Stunden, in denen ihnen niemand begegnet, sehen sie eine Frau. Sie steht im reißenden Wasser, offensichtlich möchte sie ans andere Ufer. Die Mönche halten inne, schauen der Frau zu, wie sie der gewaltigen Strömung zu trotzen versucht. Doch sie schafft es nur knietief, dann muss sie aufgeben. Ihr Gesicht verrät tiefe Verzweiflung. Während der jüngere Mönch weiter dasteht und zuschaut, tritt der andere zur Frau und hebt sie auf seine Arme. Er trägt sie ans andere Ufer, wo er sie absetzt. Die Frau dankt ihm und der Mönch kehrt zurück.

Die beiden Mönche laufen gemeinsam weiter, schweigen. Nach einer Weile kann der jüngere Mönch nicht mehr an sich halten und ruft empört: „ Wieso hast du das getan? Uns ist es verboten, eine Frau anzufassen. Das ist gegen unseren Glauben. Warum hast du sie über den Fluss getragen?“

Der Gefragte antwortet: „Ich habe mein Gelübde gebrochen, weil ich ihr helfen musste. Ich habe sie lediglich über den Fluss getragen. Du dagegen trägst sie seitdem mit dir.“

Der jüngere Mönch begreift, dass ein Gelübde nur solange gut und gerechtfertigt ist, solange es nicht gegen die Menschlichkeit verstößt.

Diese Geschichte ist eine Metapher, die vermutlich so alt ist, wie die Menschheit. Sie sagt uns etwa dies: Selbstlosigkeit ist das Gegenteil von Egoismus.

Beide Begriffe führen uns zu etwas, das unsichtbar ist, das nicht mit Händen greifbar, nicht mit dem Auge erfassbar ist: unser Selbst, das Ego. Wir sehen es lediglich in unseren Taten gespiegelt, hören es in unseren Worten, die wir an andere richten. An sich ist auf der Sprachebene der Begriff „Selbstlosigkeit“ ein Ding der Unmöglichkeit. Denn du oder ich – wir können gar nicht ohne das Selbst sein, selbst-los existieren. Wir könnten nicht denken, nicht fühlen, hätten wir kein Selbst. Wir würden nicht lieben, nicht traurig oder gutgelaunt sein, uns nicht freuen können. Was wären wir also, hätten wir kein Ego? Schauen wir aber jenseits der strikten Sprache, so scheint in diesem Begriff etwas durch, das uns als Mensch ausmacht. Ein zutiefst Menschliches, die Eigenschaft unseres Ego, sich ab und zu hintenan zu stellen.

Eine Bewegung von mir zu dir ist die Selbstlosigkeit also. Ein Wahrnehmen des Anderen. Mit all dessen Gefühlen, Gedanken und Nöten.

Vielleicht trägst auch du wie jener Mönch etwas mit dir herum. Ich wünsch mir für dich, dass du es in diesen Tagen loslassen kannst und dein Herz einem anderen öffnen kannst. Dein Selbst dem eines anderen näherst, denn es wird dich selbst reicher machen.

Die Autorin: „Schreiben ist meine zweite Heimat“, sagt Karla Fabry über sich selbst. Geboren ist sie 1970, lebt mit Family in der Nähe von Stuttgart. Nach dem abgeschlossenen Studium der Indologie und Philosophie in Heidelberg widmet sie sich der Reportage- und Kunstfotografie, bevor sie zur Arbeit mit dem Wort zurückkehrt und lange als Korrektorin und Texterin im Verlagswesen tätig ist. Ihre Hobbys sind Fotografieren und digitale Fotokunst, Basteln und wenn noch Zeit bleibt, Kochrezepte erfinden. Letzteres hat sie auf einen der Helden aus „Schattenblau“ übertragen. Ihm gelingen alle Rezepte! Mit „Schattenblau – das Herz der Tiefe“ hat sie ihr erstes Buch herausgebracht, Teil 1 einer Romantic-Fantasy-Trilogie. 2016 erscheint dann der zweite Teil, „Schattenblau – Das dunkle Raunen des Meeres“. Zurzeit arbeitet sie am 3. Teil. Spannung, Romantik und Meer … unter www.karla-fabry.de! Und viele Überraschungen.

Vorheriger ArtikelFreiheit
Nächster ArtikelHoffnung
Schreiben, Lesen, Lesen, Schreiben, Bücher verschlingen, Bücher bewerten! Willkommen auf meinem Buchweltmagazin! Ich freue mich über jeden Kommentar, jede Anregung und auch jede Kritik! Viel Spass beim Lesen!
TEILEN

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here