Rettung

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Die Welt war öd und leer. Überall verbrannte Erde. Die Städte, die Häuser, die Wälder. Zu Asche verbrannt und vom Wind glatt geweht. Die Sonne mühte sich durch den Dunst und erreichte kaum mehr, als die Landschaft in ein düsteres gelb stichiges Zwielicht zu tauchen. Dennoch war es warm. Sehr warm. Abgesehen von seinem eigenen rasselnden Atem umgab Jim Dorn nichts als Stille. Selbst das Stampfen seiner Schritte wurde von dem feinen Staub verschluckt, in dem seine Stiefel bis zu den Knöcheln versanken.

In Gedanken zählte er die Schritte mit. Immer wenn er bei zehn war, drehte er sich in die Richtung, aus der kam und betrachtete die Spur, die seine Stiefel hinterlassen hatten. Zwei parallele Linien mit einem leichten Drall nach links. Er bekam seine Füße also nicht einmal mehr hoch genug, um einzelne Spuren zu hinterlassen. »Hab ich gar nicht gemerkt«, murmelte er müde.

Im Kreis zu Laufen wollte er vermeiden. Die Basis, die er aus dem Orbit ausgemacht hatte, lag genau in der Flugrichtung. Auf dem Dünenkamm, in einiger Entfernung, konnte er noch seinen Raumanzug ausmachen. Er hatte ihn ausgezogen, als die Batterien des Klimaaggregats mit einem schrillen fiepen ihre Funktion eingestellt hatten. Jetzt diente er ihm als zusätzliche Landmarke in dieser trostlosen Umgebung.

Auf einer gedachten gerade Linie zwei Kilometer hinter dem Kamm der Düne, stand der nun nutzlose Raumgleiter.

Sein Ziel dagegen lag irgendwo vor ihm. Mit dem Gleiter kaum eine Minute Flugzeit. Zu Fuß, in dieser unwirtlichen Welt, ein ganzes Leben weit entfernt.

Seufzend korrigierte er seine Richtung und begann wieder zu zählen.

Eins, zwei, drei, vier, …

Rückwärts, auf der Stelle joggend, lief sein Vater mit einem Mal neben ihm her. »Du darfst niemals aufgeben mein Junge. Am Ende wendet sich immer alles zum Guten.« Das Gesicht seines Vaters war braun gebrannt und die Haare akkurat auf Marine-Cut Länge geschnitten. Nicht einmal die Unmengen an Schweiß, die ihm in Sturzbächen über das Gesicht zu laufen schienen und den hellgrauen Sweater bereits großflächig mit Schweißflecken verziert hatten, störte den Gesamteindruck an einen Mittvierziger Mustersoldaten des US-Marine Corps. Jim Dorn versuchte ihn zu ignorieren. Sein Vater war nicht unbedingt die Person, mit der er an seinem Lebensende diskutieren wollte.

»Junge. Mach es wie ich. Immer einen Fuß vor den anderen.«

Der mit Junge angesprochene, leistete sich ein trockenes Lachen, das in einem Hustenanfall endete. »Du läufst rückwärts, Dad.« Er blieb kurz stehen und schaute auf seinen Vater, dessen Beine sich weiterhin bewegten, ohne das er von der Stelle kam.

»Ach, das sind Nebensächlichkeiten. Du musst einfach durchhalten. Deine Rettung ist ganz nah.«

»Du hast gut Reden«, unterbrach Jim Dorn sein Zählen. Die Kehle war trocken wie der Boden zu seinen Füßen und er hatte Mühe die Worte zu artikulieren. Das letzte Wasser hatte er schon vor über einer Stunde zu sich genommen. Und die staubtrockene Luft schien ihm jedes Quäntchen, was er im Körper hatte, zu entziehen. »Du musst dicht nicht durch diesen verdammten Staub schleppen. Du bist nur eine Halluzination.«

Dass ihm ausgerechnet sein Vater erschien, entbehrte nicht unbedingt einer gewissen Ironie. Denn eigentlich war er nie dagewesen, wenn er ihn brauchte. Nicht, dass er ihn nicht leiden konnte oder sogar hassen würde. Er war ihm schlichtweg Gleichgültig.

Das Gesicht seines Vaters zeigte ein breites Grinsen. Jim Dorn Senior wie er ihn kannte.

»Mag sein, mein Großer. Aber wenn du vorzeitig aufgibst, wirst du nie erfahren, ob ich nicht recht damit hatte.«

»Anstatt mir mit klugen Sprüchen zu kommen, sag mir lieber, wie weit die Station noch entfernt ist.«

»Wie könnte ich? Ich bin nur eine Halluzination. Aber du könntest deine Mutter fragen. Die weiß doch immer alles.« Jim Dorn Junior meinte den spöttischen Unterton genau herauszuhören. Und es machte ihn rasend. Obwohl beide schon so lange tot waren, fiel ihm nichts Besseres ein, als auf seiner Frau herum zu hacken? Sicher. Sie hatte ihn verlassen. Aber immerhin hatte sie es geschafft ihn großzuziehen, während Er einen Einsatz nach dem anderen geflogen war. Nur alle fünfzehn Monate für ein paar Wochen nach Hause zu kommen, ein wenig Baseball mit ihm zu spielen und ein paar Ratschläge zu erteilen, machte ihn noch nicht zu einem guten Vater.

»Lass Mom aus dem Spiel.« Die Ehe von Jenny und Jim Dorn Senior war lange bevor er selber zur Air Force gegangen war, zu Ende gewesen. Und dennoch waren sie vermutlich in derselben Sekunde zu Asche verbrannt, als der große Krieg ausbrach. Da war er noch auf dem Hinflug zum Mars gewesen. Ihm und seinen Kameraden, drei Wissenschaftler und er als Kommandant, war nichts anderes übrig geblieben, als die Mission wie geplant durchzuführen. Während des Fluges hatten seine drei Kameraden aus Verzweiflung ihr Leben beendet. Der Letzte, kaum dass sie in den Erdorbit zurückgekehrt waren. Der Anblick der scheinbar allumfassenden Zerstörung auf der Erde, war wohl für die Wissenschaftler zu viel gewesen. So war Leutnant Jim Dorn, Risikopilot und Marine der US-Navy, der erste Mensch der den Mars betreten hatte, nichts weiter übrig geblieben, als alleine zurückzukehren.

»Ich weiß, Großer. Deine Mutter hat dich zwar zu einem anständigen jungen Mann erzogen. Aber dein Durchsetzungsvermögen hast du dennoch von mir.«

Wütend vergaß Jim Dorn Junior seine Schritte zu zählen. Er beschleunigte sogar etwas, um so der Halluzination seines Vaters auf die Füße zu treten. Er wollte ihn am liebsten schlagen, würgen. Irgendwas. Er verbrauchte seine letzten Reserven für den Wunsch, seinem Vater seine Faust ins Gesicht zu schlagen. Aber, immer wenn er meinte ihm nahe genug gekommen zu sein, musste er feststellen, dass noch ein paar Zentimeter fehlten.

»Komm schon. Schlag mich.«

Jim Dorn Junior holte aus und schlug zu. Sein kraftloser Schlag traf nur die Luft und er stolperte nach vorne. Er schloss geistesgegenwärtig Mund und Augen in der Erwartung nun in den tiefen Staub zu fallen. Doch stattdessen fiel er ins Leere. Eine Bange Sekunde lang wunderte er sich darüber. Dann überschlug er sich mehrfach und schmerzhaft machten sein Hinterkopf und seine Schultern Bekanntschaft mit einem harten Untergrund. Benommen blieb er eine Weile auf dem Rücken liegen und starrte in den trüben Himmel. Um sich herum ertastete er feinen Kies.

Er drehte den Kopf etwas und sah den Hang hinauf, den er gerade sehr unsanft hinab gerollt war. Dann folgte sein Blick der Kante nach rechts und er erstarrte. In einigen hundert Metern verschmolz am sichtbaren Horizont, die Kante mit dem Ufer und dem Strand eines großen Sees. Er hob den Kopf und blickte ungläubig auf das ruhig daliegende Wasser hinaus. Kaum Hundert Meter vom steinigen Strand entfernt, dümpelte eine große Segeljacht im Wasser vor sich hin. Er sah noch winkende Hände und hörte aufgeregtes Geschrei. Dann verlor er das Bewusstsein.

»Das ist das erste Mal, dass ich froh darüber bin, dass du ihn so schnell und einfach auf die Palme bringen kannst.« Die Frau mit den langen blonden Haaren hakte sich bei dem Mann ein und lächelte ihn von unten herauf an. Dann legte sie ihren Kopf gegen sein verschwitztes Sweatshirt und schaute versonnen zu, wie die Menschen von der Jacht mit einem Dingi zum Strand übersetzten, um ihren Sohn zu retten. »Aber, musste ausgerechnet ich dafür her halten?«

Der Senior lachte. »Er ist genauso ein Dickkopf, wie ich es war und er verehrt dich abgöttisch«, sagte Jim Dorn Senior schmunzelnd. »Hätte ich ihm nur gut zugeredet oder gesagt, dass er in die falsche Richtung läuft, hätte er wohl kaum auf mich gehört. Er wäre immer weiter parallel zum Strand gelaufen und hätte sich von seiner Rettung immer weiter entfernt.«

ENDE

Der Autor: Andreas Kohn: Meine ersten ernstzunehmenden Schritte im schreibenden Bereich, habe ich vor etwa zwei Jahren unternommen. Die NEOCHRON-Trilogie ist ein Zeitreisen-/Alternativweltengeschichte, die im Berlin der dreißiger Jahre spielt. Teil 1 mit dem Titel »Eine zweite Chance« habe ich aktuell, als lektorierte und überarbeitete Version, über BooksOnDemand neu veröffentlicht. Seitdem folgten zwei weitere Romane und, als bisher erfolgreichstes Kind aus meiner Feder, die sechsteilige Space Opera mit Heftroman-Umfang, STERNENREICH – Rebellen des Imperiums. Zum aktuellen Zeitpunkt sollte außerdem hoffentlich gerade mein neuestes Werk ZOMBICALYPSE erschienen sein. Ich schreibe, wie man an den Titeln unschwer erkennen kann, hauptsächlich Science Fiction Romane. Ich bin Detailverliebt ohne Ausschweifend zu werden und ich recherchiere viel, um möglichst nah an der wissenschaftlichen Wahrheit zu bleiben. Für 2018 plotte ich zur Zeit die Fortsetzung der STERNENREICH-Reihe. Hier könnt ihr mehr über den Autor erfahren.

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