Rettung

0
14
views

Aus dem quietschbunten Kinder-CD-Player dröhnt „Stille Nacht“ in voller Lautstärke. Es scheint gerade Lennys Lieblingslied zu sein, jedenfalls hüpft er dazu mit Begeisterung. „Doch, das ist ein Tanzlied“, entgegnet er meinem fragenden Blick. Ich seufze. Von stille Nacht ist an diesem Abend keine Spur. Ich kratze ein Teigstück vom Tisch, bei dem man mit gutem Willen noch die Form eines Rentiers erkennen kann, und platziere es auf dem Backpapier.

„ … Aaalles schläft, eiiinsam wacht …“

Gerade informierte mich eine Mail darüber, dass sich die Lieferung von T-Rex („bei dem man das Maul aufmachen kann“) leider etwas verzögert. Ich sehe mich schon alles andere als einsam durch die Innenstadt irren, zusammen mit tausenden anderen schlaflosen Menschen, die sich um Dinosaurier-Bausätze prügeln. Lenny hat seinen Tanz unterbrochen, um ein Teigstück zu stibitzen.

„ … der Retter ist daaahaaa …“

Ach ja, das wär’s, einen Retter könnte ich gebrauchen, der Geschenke kauft, Zuckerguss auf Plätzchen zaubert und nebenbei noch diesen Text fertig schreibt.

Es klingelt an der Tür. Ist er da, der Retter? Nein, nur der Postbote. „Ich komme mit“, höre ich von hinten und sehe aus dem Augenwinkel ein Teigstück mit verdächtigem Lego-Muster, das auf der Eisenbahn gemächliche Kreise zieht. Der Postbote ist bereits damit beschäftigt, einen mannshohen Paketstapel an alle Hausbewohner zu verteilen. Wir warten, bis wir unseren Karton in Empfang nehmen dürfen. Der Absender lässt auf eine weitere Weihnachtsüberraschung schließen. „Was ist da drin?“, fragt mich eine neugierige Kinderstimme. „Vielleicht was für Papas Arbeit“, sage ich betont beiläufig.

„Können wir das mal aufmachen?“

Oje, mein Lügengebäude droht zusammenzubrechen, bevor ich es richtig aufgebaut habe. „Jetzt nicht, wir müssen doch noch die Plätzchen machen“ … die Plätzchen! Seit wann waren die nochmal im Ofen?

Zurück in der Wohnung empfängt mich ein penetranter Geruch. „Oh nein, die Plätzchen, alle verbrannt!“ Enttäuscht hole ich ein Blech voll verkohlter Rentiere aus dem Ofen.

Lenny biegt mit einem roten Spielzeugauto um die Ecke. „Es brennt, die Plätzchen brennen, eine Feuerwehr muss kommen.“ Er löscht die unbrauchbaren Kekse mit einem imaginären Wasserstrahl. Offensichtlich hat er einen riesigen Spaß dabei. Und dann beschließe ich, mich ihm einfach anzuschließen. Wir „löschen“ also noch das Blech, den Ofen und die Eisenbahn (warum die Eisenbahn betroffen ist, bleibt mir ein Rätsel) und fangen an, aus dem Rest des Teigs Legomuster-Kunstwerke zu backen. Ich muss an die Weihnachts-Pakete-Sammlung der zahlreichen Tanten, Omas und Cousins denken, die uns ermöglichen würde, spontan einen Spielwaren-Fachhandel in unserer Abstellkammer zu eröffnen. Wahrscheinlich bin ich die einzige, die sich um das Lieferdatum von Tyrannosaurus Xmas sorgt. Niemand außer mir, zuallerletzt ein reizüberflutetes Kleinkind, wird ihn vermissen. Notfalls können wir aus den ganzen Kartons eine schicke Urzeit-Landschaft basteln, um die Zeit zu überbrücken. Oder ein echtes Dino-Ei. Oder …

Lenny drückt auf dem CD-Player herum.

„ … der Retter ist daaahaaa …“

Der Retter, das war für uns heute ein Teil von uns selbst. Der Teil, der uns die Idee gegeben hat, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und den Ernst des Lebens ein bisschen weniger ernst zu nehmen.

Die Autorin: Susanne Böhme: Diese (frei erfundene, aber nicht ganz unrealistische) Geschichte stammt aus der Feder von einer, die in den letzten Jahren eine weitaus ungewöhnlichere Rettung erleben durfte. Vor fünf Jahren verbrachte ich die Adventszeit im Krankenhaus – nach einem schweren Unfall frisch querschnittgelähmt. Meine Stimmung schwankte zwischen Freude über mein Überleben, Sorge vor der Zukunft und dieser zähen Ungewissheit, die zwischen allen hoffnungsvollen Momenten und meinem Trainingsehrgeiz entlangkroch wie ausgelaufene Schokofettglasur. Heute laufe ich zwar nicht wie eine Gazelle, aber immerhin, ich laufe. Es klingt für mich selbst verrückt, wenn ich versuche, das Geschehen so kurz zusammenzufassen. Die ganze Geschichte, mit noch viel mehr unglaublichen wie inspirierenden Momenten, könnt ihr in meinem autobiografischen Buch „Steh auf und flieg!“ nachlesen. Hier kommt ihr zum Buch.

Vorheriger ArtikelHoffnung
Nächster ArtikelOptimismus
Schreiben, Lesen, Lesen, Schreiben, Bücher verschlingen, Bücher bewerten! Willkommen auf meinem Buchweltmagazin! Ich freue mich über jeden Kommentar, jede Anregung und auch jede Kritik! Viel Spass beim Lesen!
TEILEN

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here