Motivation

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Oh du fröhliche Motivation

Von Serena Avanlea

Anna gähnte herzhaft, fuhr aber dennoch voller Tatendrang den Computer hoch. Sie war extra um 5:30 Uhr aufgestanden, um an ihrer Weihnachtsgeschichte zu arbeiten. Jetzt, eine Stunde später, saß sie frisch geduscht und mit einem extra großen Kaffee zwei Nutellabroten im Bauch am Schreibtisch.
Heute würde sie mindestens 10.000 Worte schreiben.
Das hatte sie sich fest vorgenommen. Laura hatte gesagt, wenn man sich möglichst hohe Ziele setzt, strengt man sich so sehr an, diese zu erreichen, dass man dann auch froh sein kann, wenn man einen Bruchteil davon schafft. Klang logisch. Normalerweise schrieb Anna 2000 Wörter am Tag. Aber wenn sie sich jetzt fünf Mal so viel vornahm und immerhin drei Mal so viel schaffte, wäre das immer noch ein Gewinn.
Irgendwie war es am Schreibtisch aber unbequem. Und da heute Sonntag war, sollte sie sich ja nicht nur quälen. Wie sollte sie so eine besonders schöne, gefühlvolle Geschichte schreiben? Sie schnappte sich ihren Laptop, kochte noch einen Kaffee und machte es sich auf dem Sofa gemütlich.
Bevor sie so richtig starten konnte, musste sie aber erstmal Mails checken. Sonst hätte sie die ganze Zeit dieses nagende Gefühl, dass vielleicht etwas Dringendes reingekommen wäre, dass sie nun verpasste.
Außer dem Schreibnewsletter gab es jedoch nichts Neues.
Vielleicht auf Facebook?
Das Wetter war so trist, alles noch ruhig im Haus und sie hatte das Gefühl, der einzige Mensch zu sein, der zu dieser frühen Stunde bereits wach war. Ein Weilchen in der bunten Facebookwelt würde sie sicherlich aufmuntern. Sie loggte sich ein.
So war es schon besser.
Oh, 27 Benachrichtungen. Zwölf Freunde hatten immerhin auf ihren gestrigen Post reagiert.
Zwei Autoren haben ihre Bücher wieder in unzähligen Gruppen gepostet. Warum kam sie eigentlich nie dazu? Das musste sie unbedingt auch mal ausprobieren. Buchmarketing ist ja schließlich genauso wichtig wie das Bücherschreiben.
Dann noch schnell die zwei Messenger-Nachrichten von den Autorinnenkollegen beantwortet. Und eine Leserin bedankte sich für ein Reziexemplar. Das wird natürlich geliked. Reicht ein Like? Schnell noch einen Sticker hinterher gesendet.
Jetzt mal gucken, was in der Welt so los ist.
Jemand hat eine Erinnerung geteilt. Gähn.
Oh ein ganz süßes Video, wo ein Hund mit seinem Hinterteil tanzt während er ißt. Schnell mal geteilt, das mussten ihre Freunde sehen!
Hui, jetzt soll man eine Frucht nennen, die mit dem Anfangsbuchstaben seines Vornamen begann. Ganz wichtig, da mitzumachen. Auch, wenn das bei ‚Anna‘ keine wirkliche Herausforderung war.
Yeah, ein Büchergewinnspiel mit diesem einen Buch, dass sie schon immer lesen wollte. Sowas bildet ja auch weiter. Da muss man sein Glück schon versuchen. Geht ja auch schnell.
Und dann noch für die Schnulze der Woche abstimmen.

Dann brav alle Beiträge der engeren Freunde liken und kommentieren. Sonst vergessen die ja, dass es einen gibt.
Ooohhhh, zwei kleine Kätzchen, die ganz eng aneinander gekuschelt sind.
Gibt es jetzt eigentlich neue Mails?
Ihre Mutter fragt, wie es so läuft. Da musste sie antworten, sonst beschwert sie sich, dass Anna für Facebook Zeit hat und für sie nicht.
Eigentlich hat sie aber ja gar keine Zeit. Sie will ja schreiben. Endlich öffnet sie das Dokument. Was wäre ein guter Start? Der erste Satz ist enorm wichtig. Das weiß jeder.
Pling.
Jemand hat eines ihrer Postings geliked. Sie muss weiterschreiben. Beziehungsweise anfangen.
Jetzt.nicht.ablenken.lassen.
Aber sie musste es einfach wissen.
Haha, die Sabine fand das Hundevideo genauso niedlich.
Und jetzt? Was hatte sie letztens gelesen? ‚Kaffee erreicht Ecken, wo Motivation niemals hinkommt‘. Den Spruch hatte sie sofort geteilt. Also noch schnell einen Kaffee gekocht.
Als sie zum Computer zurückkam war Laura online und sie chatteten eine Runde. Hauptsächlich ging es um ihre Wochenendepläne und darum, wie schlecht sie mit dem Schreiben vorankam.
„Dann mach doch erstmal etwas Anderes“, schlug Laura vor.
Sie hatte recht. Anna stromerte eine Runde durch die Wohnung und begann das Bad zu putzen. Danach war sie so erschöpft, dass sie erstmal etwas zum Mittagessen kochen musste. Und dann nur eine Folge Vampire Diaries.
Okay Zwei – bei dem Ende ging es einfach nicht anders.
Nun musste sie erstmal ihren Instagram-Post machen. Wenn sie nicht täglich etwas postete, ging die Reichweite sofort in den Keller. Aber welches Foto?
Sieben Fotos und Dreizehn Filter später, hatte sie eine zufriedenstellendes Ergebnis. Jetzt noch schnell ein paar Hashtags raussuchen und Herzen verteilen.
So, wieder das Dokument geöffnet.
Jetzt war es aber 15 Uhr und sie verdammt müde, da sie so früh aufgestanden war. Es musste also dringend noch mehr Kaffee her. Man musste dem Autorenklischee ja auch gerecht werden.
Nein, sie schaute jetzt nicht wieder auf Facebook!
Sie zwang sich, ein paar Sätze zu schreiben und löschte sie wieder.
Am Ende des Tages hatte sie 129 Worte geschrieben – mit denen sie nicht besonders zufrieden war. Aber sie löschte sie nicht, damit sie am nächsten Tag nicht wieder das weiße Papier anstarrte.

Am Sonntag schlief sie aus, frühstückte in Ruhe mit ihrem Freund und setzte sich dann an den Schreibtisch. Das mit den 10.000 Wörtern hatte sie aufgegeben. Sie war einfach froh, wenn sie überhaupt etwas schaffte. Am frühen Nachmittag breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Es waren bereits 3.698 Wörter. Jetzt hatte sie sich wirklich eine Pause verdient.

Was will ich damit sagen? Nehmt euch bloß nicht zu viel vor beim Schreiben? Nein, denn das zarte Gemüt der Autoren ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Sie sind so unterschiedlich wie Blumen in den verschiedenen Klimazonen. Jeder braucht andere Bedingungen, um seine Blüte zu entfalten. 😉  Das, was den einen Autor zu Höchstleistungen antreibt, muss beim anderen nicht zwangsläufig funktionieren. Und es kann auch sein, dass eine bestimmte Methode an einem Tag Wunder wirkt und am nächsten ergebnislos ist.
Jeder muss daher verschiedene Techniken ausprobieren und sehen, womit er am besten in einen richtigen Schreib-Flow kommt. Dem einen helfen kleine, realistische Ziele, dem anderen hingegen große Herausforderungen. Der eine wird durch die Aussicht auf eine große Tafel Schokolade zum Schnellschreiber, der andere durch ein spöttisches ‚Das schaffst du ja eh nicht‘ – was Typ 1 dazu gebracht hätte, sich missmutig für den Rest des Tages einzuigeln.

Folgende Dinge könnt ihr ausprobieren, um euch zum Schreiben zu motivieren:

  • Plotten. Oft ist es sehr hilfreich, wenn man bereites ein klares Ziel vor Augen hat, auf das man sich zubewegen kann.
  • Intrinsische Belohnungen. Denkt an das tolle Gefühl, wenn das Buch endlich fertig ist.
  • Extrinsische Belohnungen. Nehmt euch doch vor, dann etwas besonders Tolles zu unternehmen.
  • Weiterentwicklung. Ihr selbst seid mit eurem letzten Buch nicht ganz zufrieden? Es gab eine dumme Rezi? Der Nachbar hat einen blöden Kommentar abgegeben? Nehmt das neue Buch, um allen zu zeigen, was in euch steckt.
  • Interessante Charaktere. Entwickelt so spannende Figuren, dass es schon beim Schreiben eine Freude ist, sie zu begleiten.
  • Begeisternde Momente. Habt ein paar beeindruckende Szenen im Ärmel, von denen ihr wisst, dass die Leser sie lieben werden und schreibt sie erst auf, wenn ihr die Story dahingetrieben habt.
  • Kaffee. Kaffee. Kaffee
  • Setzt eine Zeitlimit, innerhalb dessen ihr durchschreiben werdet. Dann gibt es eine kurze Pause und danach geht es weiter.
  • Setzt eine Wortanzahl fest, die ihr auf jeden Fall erreichen wollt. Ihr dürft den Schreibtisch nicht verlassen, bis diese erreicht ist.
  • Schreibt in Gruppen.
  • Halte andere über deine Fortschritte auf dem Laufenden.
  • Setzte eine Deadline und teile diese auch anderen mit, bis zu der dein Buch fertig sein muss.
  • Entwickle eine Schreibroutine und schreibe täglich zur gleichen Zeit.
  • Versprich jemanden, ihm 50 € zu geben, wenn du deine Deadline nicht einhältst.
  • Verzichte bewusst auf deine Lieblingssendung, um Schreiben zu können.

Dass ist nur eine kleine Auswahl an Möglichkeiten. Wie gesagt, wird bei niemanden die ganze Liste funktionieren, man muss nur wissen, wie man sich selbst am besten motivieren kann.

Eine Sache gilt aber sicherlich für alle Motivationstypen, wenn es um das Schreiben und Prokrastination geht: Facebook ist euer Feind. 😉 Gebt ihm in eurer spärlichen Schreibzeit nicht zu viel Raum.

Und jetzt: An die Arbeit mit euch! ☺

Die Autorin: Serena Avanlea ist Diplom Pädagogin, Kulturwissenschaftlerin und Jugendbuchautorin. Ihre Werke befassen sich mit den Themen wie Liebe, Liebeskummer und Freundschaft. Mehr findet ihr auf Facebook und Instagram. Ihre Bücher findest du hier: https://www.amazon.de/Serena-Avanlea/e/B01N2094TY/

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