[Leseprobe] Sonnenschatten: Die Chroniken von Ereos – von Benjamin Keck

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»Niemand weiß, woher sie kamen, noch wohin sie gingen, doch sie waren da und mit ihnen kam die Angst. Ob sie erst seit kurzem hier sind, oder bereits seit langem, das weiß ich nicht. Schatten werden sie, Schatten sind sie, Schatten bleiben sie und sie werden kommen. Ich sehe bereits ferne Blitze und doch höre ich keinen Donner.« Sha, ein Krieger der Wüste und Besitzer eines blutigen Dolches trifft in den winterlichen loktarischen Wäldern auf die Kampfgefährten Delon und Evva. Gemeinsam brechen sie auf, einen dunklen Zauber zu lösen, der ihren Freund Agnon gefangen hält. Doch schon bald werden sie von Schattendienern und Schlimmerem gejagt, stehen ruchlosen Assassinen, nubarischen Kriegern und dunklen Machenschaften gegenüber, an deren Ende die Götter selbst um ihr Dasein fürchten müssen. Während die Fahnen des Krieges über den ylanischen Türmen wehen und König Maer Magnur zur letzten Schlacht ruft, scheint es, als schritten die Bewohner von Ereos einem blutigen Zeitalter der Schatten entgegen. »Seit jeher scheint Blut eine seltsame Faszination auf die Menschen auszuüben. Meine Suche brachte mich an unbeschreiblich dunkle Orte, doch selbst dort wussten sie nicht genug, um sich zu fürchten. Diese Furcht wäre jedoch angebracht, nicht umsonst sind sie, wer sie sind.«

Schattenseiten

»Neugierde trieb mich, geheime Gänge zu suchen. Sie führten mich in die Finsternis. Doch man ist dort nicht allein! Sie lauern in der Tiefe. Acht Ebenen, sieben davon mit namenlosen Wächtern. Wesen von denen ich noch nie etwas gehört habe. Steinerne Kolosse wachen über diezweite Halle. In der dritten lauern die Sehenden – euer Mantel wird euch helfen. In der vierten sah ich aus der Ferne flammende Schwerter und zugleich das Ende meiner Neugier.«

Verschlüsselte Nachricht, gefunden in einem Buch von Bewahrer Toan über die geographischen Besonderheiten der Ausbildungsstätte von To, gezeichnet Adept Wen.

»Wie wirst du genannt?«, sprach eine düstere Stimme aus der Dunkelheit vor ihm.

»Ich trage keinen Namen. Ich bin hier um zu dienen. Diener haben keine Verwendung für einen Namen.« Seit einer Woche bin ich hier in dieser brütenden Hitze, aber so viel habe ich mir schon gemerkt: nenne deinen Namen und es hagelt Schläge. Eine Woche haben sie mich vor dem Eingangstor warten lassen, bis ich endlich in den Schatten durfte. Ich hasse diesen Ort.

»Wenn du deine Ausbildung überlebst, darfst du dir selbst einen Namen wählen; bis es soweit ist, wirst du Neun sein, das Alter, in dem du deine Ausbildung auf To angetreten hast. Normalerweise sind unsere Novizen nicht älter als sechs, doch in deinem speziellen Fall konnten wir einer Ausnahme nicht widerstehen. Dein erstes Werk war imposant, doch unter unserer Anleitung wirst du ein wahrer Künstler werden.«

Imposant. Verstehe ich nicht. Neun blickte fragend zu dem schemenhaften Gesicht, das über ihm thronte und hinter einer dunklen Kapuze verborgen war.

»Uns gefiel deine Arbeit in Reos.«

Arbeit. Als ob ich eine Wahl gehabt hätte. Mein sturzbetrunkener Oheim wollte mir meinen Teil der Beute nicht zugestehen. Dafür nahm ich ihm sein Leben und seinen Teil der Beute. Leider hätten die anderen schnell verstanden, wer dafür zur Verantwortung gezogen werden müsste. So nahm ich noch weitere Leben. Damit niemand mich verdächtigen würde, suchte ich einen Jungen in meinem Alter, legte ihn in mein Bett und nahm ihm, wie auch allen anderen meiner sogenannten Familie, sein Gesicht.

Vor ihm zappelte etwas. Neun ignorierte die Ablenkung und blickte stur in die Dunkelheit nach vorne. Was fällt dem ein, hier darf man keine unangebrachten Geräusche machen, das ist unfair, ich darf auch nicht zappeln. Neun trat mit seinen bloßen Füßen hart nach vorne und das Zappeln hörte schlagartig auf.

»Der gefesselte Mann, der vor dir liegt, hat unsere Grenze überquert, das ist nicht hinzunehmen. Seit er hier liegt, zappelt und wimmert er wie ein kleines Kind. Beende das. Hinter dir findest du ungeweihte Waffen, eine davon wird dir gehören, sobald sie Blut getrunken hat.«

Neun drehte sich um, begutachtete mehrere verschiedene Dolche und fand einen, der ihm aufgrund seiner Schlichtheit gefiel. Der sieht doch gut aus, zwar eine lausige Bezahlung, aber immer noch besser als nichts. Langsam drehte er sich wieder um und bückte sich zu dem liegenden Mann, welchem er kurz in die vor Angst geweiteten Augen blickte. Sein neuer Dolch zuckte kurz. Als Neun sich wieder erhob, glänzte er in dunklem Rot.

»Der Dolch ist nun dein. Im Laufe der nächsten sechs Jahre wirst du dir weitere Waffen verdienen, doch deinen ersten Dolch wirst du einmal in der Woche auf diese Weise weihen. In den ersten beiden Jahren wirst du an jedem siebten Tag jemanden für die Weihung deines Dolches finden, du wirst diejenigen daran erkennen, dass sie einen schwarzen Stern unterhalb ihres rechten Auges tragen. Ab deinem dritten Jahr musst du dich selbst um die Beschaffung kümmern, von uns bekommst du dann nur noch Hinweise, wo Passende zu finden sein könnten.«

Kurz schien es, als ob sich die Dunkelheit, in welcher der Sprecher verborgen stand, wabernd ausdehnen würde. Ich habe mich sicher getäuscht, Schatten leben nicht.

»Ich sehe kein Blut an dir. Solange du in Ausbildung bist, geschieht mit dir, was mit deiner Waffe geschieht, bis du am Ende selbst zur Waffe wirst. Ist deine Waffe in Blut getränkt, so sollst auch du es sein.«

Zögerlich entledigte sich Neun seiner Kleidung und begann das noch warme Blut auf sich zu verteilen. Wo bin ich hier nur wieder hineingeraten? Das ist gar ein wenig übertrieben. Zum Glück kann man alles wieder abwaschen.

»Dein Dolch dürstet nach Blut, sollte er einmal keines bekommen, bekommst auch du eine Woche nichts zu essen. Du bist der Dolch. Verlierst du ihn in den kommenden sechs Jahren, verlierst du dein Leben. Beschütze ihn und er wird dich beschützen.«

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