[Leseprobe] Ostrakon – die Scherbenhüterin – von Michaela Abresch

0
16
views

Erez Ysrael 55-73 n. Chr.
Seit einhundert Jahren ist das Land Teil des römischen Imperiums.
Die Machthaber missachten die jüdischen Bräuche
und erheben Steuern, die das Volk kaum aufbringen kann.
In den Herzen der Aufständischen lodert die Sehnsucht nach Freiheit.

In dieser von blutigen Unruhen geprägten Zeit
begibt sich die Halbjüdin Daya auf die Suche
nach den Papyrusschriften ihrer verstorbenen Mutter.
Die Begegnung mit dem Freiheitskämpfer Mattaji,
der für seine Vision von einem unabhängigen Volk bis zum Äußersten geht,
verlangt eine weitreichende Entscheidung von Daya.
Während sie Unterschlupf
bei den Anhängern des getöteten Nazareners sucht,
rüstet Mattaji mit den Rebellen zum finalen Kampf gegen die Römer
auf der Wüstenfestung Mezada…

Ein neuer Frühling zog ins Land und wieder blühte der Galil in satten Farben. Unermüdlich trieb die Erde frisches Grün hervor, junge Lämmer bevölkerten die Herden und innerhalb weniger Tage brachen die Knospen der Granatapfelblüten auf.  Doch ungeachtet des neuen Lebens hörte man weiterhin Nachrichten über blutige Überfälle, hinterhältige Morde und Schutzgelderpressungen durch die Zeloten. Die wildesten Dinge kamen Daya zu Ohren und kaum ein Tag verstrich, an dem nicht jemand aus der Nachbarschaft oder auf dem Markt derlei zu berichten hatte. Jeder wusste, dass das Hauptquartier der Widerständler zwar in Yehuda lag, nahe der Heiligen Stadt, sich jedoch inzwischen überall im Land kleinere Gruppierungen formiert hatten, eine davon vor den Toren Migdals. 

Die Flachsfelder blühten und umfluteten Migdal wie zartblaue Teppiche. „Zeit, den Samen zu ernten!“, verkündete Nathan eines Tages. Mit geübten Handgriffen band er zuerst Daya, danach sich selbst eine Art Lederschurz um die Taille, der, zog man ihn an zwei Zipfeln von unten nach oben, an einen geräumigen Beutel erinnerte. 

Die einzelnen Blütenköpfe abzupflücken und im Lederschurz zu sammeln, erforderte kein besonderes Geschick und wären die Zeiten nicht so unsicher gewesen, hätte Nathan Daya sicher guten Gewissens allein auf dem Feld gelassen. 

In Gedanken weit fort zupfte Daya Blüte für Blüte. Da sie sehr klein waren, dauerte es eine Weile, bis der Schurz sich sichtbar füllte. 

Plötzlich ließ ein Geräusch in der Nähe sie aufhorchen. Sie hob den Kopf, lauschte. Doch da war nur das Sirren der Zikaden im Gestrüpp. Mit einer Hand beschattete sie die Augen, um gegen die tief stehende Sonne in die Ferne zu spähen. Nathan befand sich gute fünfzehn Schritte von ihr entfernt, auch er schien seinen Gedanken nachzugehen. Ihr Blick glitt zum Horizont. Am äußersten Ende des Flachsfeldes erhob sich ein zerklüfteter Felshügel, nicht sehr hoch, aber der Länge nach von beträchtlicher Ausdehnung. Sie wusste, dass dahinter die gebirgigen Ausläufer des Meron begannen. Nur der schmale in die Stadt führende Weg trennte ihn vom Feld. Aus zusammengekniffenen Augen machte Daya eine Bewegung weit hinten auf dem Pfad aus. Den Umrissen nach könnte es ein Wagen sein, wie Nathan ihn auf seinen Reisen benutzte, mit einem oder zwei Zugtieren im Geschirr. Vermutlich ein Reisender, ein Händler vielleicht, auf dem Weg nach Migdal.  Sie atmete auf. Dennoch griff mit einem Mal eine beängstigende Unruhe nach ihr, sodass die vermeintliche Sicherheit der vergangenen Stunden im Nu einem Gespinst aus Angst wich.          

Die Zeloten waren wie Ungeziefer. In der Absicht, jüdische Steuereintreiber zu überfallen, konnten sie überall lauern, selbst auf einem Flachsfeld, weniger als hundert Schritte vor der Stadtgrenze.  

Sie wandte sich zu Nathan um. Seine Anwesenheit beruhigte sie. Mit dem Ärmelsaum rieb sie sich den Schweiß von der Stirn. 

Gefangen in ihren Gedanken merkte sie nicht, dass sie während des Arbeitens weit an den äußersten Feldrand geriet. Erst der Schatten des in nächster Nähe vor ihr aufragenden Felsenhügels weckte sie aus ihren Grübeleien. Erschrocken sah sich nach Nathan um, den sie nur noch als kleinen, beweglichen Punkt am anderen Ende des Feldes erkannte. Wie hatte sie sich nur so weit von ihm entfernen können? Im gleichen Augenblick schreckte sie zusammen, weil sich etwas hinter ihr im Flachs regte. 

„Nach unten, schnell!“  Jäh drehte sie sich um, erkannte den Schwarzgelockten und spürte seinen Griff um ihr Handgelenk.  Energisch zog er sie herunter auf die Knie. 

Die Höhe der Flachspflanzen betrug an dieser Stelle kaum mehr als etwa zwei Fuß und erlaubten es einem Mädchen von Dayas Statur kaum, sich unsichtbar für fremde Augen zwischen ihnen zu verbergen. Doch sie kauerte sich auf Unterarme und Knie und presste den Oberkörper so dicht auf die Erde, wie sie es vermochte. Etwas in der Stimme des Schwarzgelockten hatte alarmierend geklungen, sie weigerte sich, über den Grund dafür nachzudenken. Der Lärm, die Rufe, die Geräusche von Fausthieben, die in diesem Augenblick zu ihr herüber drangen, ähnelten auf bedrohliche Weise denen des blutigen Kampfes, den sie vor einiger Zeit am Seeufer miterlebt hatte. Fest kniff sie die Augen zusammen und hätte sich am liebsten auch die Ohren zugestopft, um nichts von alldem wahrnehmen zu müssen. Als sie an das aufspritzende Blut aus der aufgeschlitzten Kehle des Mannes dachte, der ihr damals vor die Füße gestürzt war, brach ihr der kalte Schweiß aus. Sie schluckte an der aufsteigenden Übelkeit. 

Als die Kampfgeräusche abebbten, wagte sie es, durch die Spitzen der Flachsstängel zu spähen. Sie sah sie zwei in Richtung des Felshügels davon hastende Männer und einen Weiteren in unmittelbarer Nähe. Er wandte sein Gesicht, das nicht mehr ganz jung und von einem ergrauten Bart fast völlig zugewachsen war, in ihre Richtung. Bevor sie sich wieder ducken konnte, hatte er sie bereits entdeckt.                                                                                  

„He, wen haben wir denn da? Steh auf, Weib!“ 

Daya glaubte, ihr Herz müsse zerspringen. Sie hörte es im Kopf rauschen und ihr Mund fühlte sich so trocken an, als sei er mit Staub gefüllt. Der einzige fassbare Gedanke, zu dem sie imstande war, trug die Gewissheit in sich, dass sie einen Zeloten aus Fleisch und Blut vor sich hatte, dem die Tatsache, eine Beobachterin des Anschlags entdeckt zu haben, vermutlich genügte, sie ebenfalls zu töten. 

Links:
Hier könnt ihr das Buch bestellen.
Hier kommt ihr zur Webseite der Autorin.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here