[Leseprobe] Im Glashaus gefangen zwischen Welten – von Deva Manick

0
13
views

Das Glashaus bietet einen Einblick in das Leben von Migranten, die ihre Heimat verlassen haben, um im Exil einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Am Beispiel der Jugend der in Deutschland lebenden Exil-Tamilen, zu denen er selbst gehörte, beschreibt der Autor Probleme und Hindernisse, die mögliche Gründe für eine verfehlte Integration sind. Von der einen Kultur in die andere gestoßen und in ihren Gefühlen verletzt, wissen sie oft nicht, wie ihr weiterer Weg verlaufen soll. Der Blick hinter die Kulissen ermöglicht betroffenen Migranten eine andere Sichtweise auf die Dinge und zeigt mögliche Wege auf.

Die Flucht aus der Heimat 

Armut und Elend begleiten den Alltag und man sieht der Zukunft hoffnungslos entgegen. Man denkt an Flucht aus der Heimat in ein Land, wo alles „besser“ sein muss, als es bisher gewesen ist. 

Ein Leben, begleitet vom Krieg und der ständigen Angst vor dem eigenen Leben, erschwerte die Lebenssituation für die Menschen in Sri Lanka. Als einzige Lösung, sich aus dem Chaos zu befreien, erschien die Resignation – die „Flucht“ in die Leere.

Da in einem Entwicklungsland Armut und Lebensmittelmangel herrschen und vor allem kaum Geld verdient werden kann, wandern viele Migranten, nicht nur aus Sri Lanka, sondern auch aus anderen Teilen der Welt in den Westen. Über einen konkreten Aufbauplan nach der Ankunft in Deutschland machen sie sich kaum Gedanken. So stoßen viele Migranten, angekommen im jeweiligen Exil, auf eine Hürde voller Aufgaben und Sprachbarrieren, über die sie sich im Voraus nicht im Klaren waren. Das alte Land wurde verlassen in der Hoffnung, im neuen Land die Lösung zu finden. Wie lassen sich die Erwartungen erfüllen? Wie lässt sich Geld verdienen? Wie findet man einen Arbeitsplatz – wenn zu all dem das nötige Handwerkszeug fehlt? Ich spreche vom Erlernen der jeweiligen Landessprache.

Bei all dem unterschätzen viele betroffene Flüchtlinge das Kriegstrauma, welches sie aus einem ehemaligen Bürgerkriegsland wie Sri Lanka jahrelang mit sich schleppen. Vielen von ihnen ist nicht bewusst, welche Auswirkungen die Erlebnisse auf ihre Psyche haben können. Darauf werde ich im Kapitel „Die traumatisierten Eltern“ näher eingehen. 

Angekommen in einem Industrieland wie Deutschland, sind die eingewanderten Migranten zunächst einmal mit den zahlreichen Formalitäten beschäftigt. 

In den meisten Fällen verlassen verheiratete Familienväter ihre Familien, um die Reise in die Ferne anzutreten. Frau und Kinder bleiben in der Heimat zurück und hoffen auf eine baldige Verbesserung ihrer Lage. Planlos in Deutschland begreifen manche Migranten, dass die Dinge nicht so einfach funktionieren, wie sie es sich vorgestellt haben. Davon möchte ich am Beispiel meines Vaters berichten:

Er wanderte im Jahre 1982 im Alter von dreißig Jahren in Deutschland ein. Damals – es war noch zu DDR-Zeiten – erfolgte eine Grenzöffnung mit einem dreitägigen Visum nach Deutschland. Mein Vater verließ Sri Lanka, bevor der Bürgerkrieg offiziell ausbrach. Eingereist in Deutschland musste er feststellen, dass er ohne Sprachkenntnisse keinen Arbeitsplatz finden konnte. Während meine Mutter und meine beiden Geschwister in Sri Lanka waren, hatte mein Vater die Wahl: Er konnte dorthin zurückgehen oder sich in einem neuen Land auf ungewisse Zeit etwas aufbauen. Zusammen mit mehreren Hunderten von Tamilen aus Sri Lanka wurde er von Stadt zu Stadt deportiert, bis er letztlich Ratingen erreichte. Dort verbrachte er zusammen mit sechs Fremden die ersten Jahre im Gemeinschaftszimmer eines Asylheims.

Diese Zeit verbrachte er in Ungewissheit, Hoffnungslosigkeit und großer Trauer, da er auf unbestimmte Zeit getrennt von seiner Familie in einem Land lebte, in dem er weder die Sprache beherrschte noch die Menschen kannte. Er musste sein komplettes Leben von heute auf morgen umstellen. 

Das Leben im Exil sollte besser und schöner werden als das alte Leben in der Heimat. Doch angekommen im Exil stand er – wie viele Migranten – vor einer großen Baustelle, bei der ihm die Anweisung fehlte, wie und wo er zu bauen beginnen sollte. Mit sechs weiteren Tamilen, die er zuvor weder gesehen noch gekannt hatte, musste er unter einem Dach die nächsten fünf Jahre seines Lebens teilen. 

Für mich unvorstellbar, doch für die Reisenden gab es keinen anderen Ausweg. Entweder sie akzeptierten die Lage, wie sie war, oder sie kehrten zurück in ihr altes Leben. Wie viele Migranten nahmen sie die Einschränkung der eigenen Privatsphäre in Kauf, immer auf eine baldige Veränderung hoffend. Als Asylant ohne Arbeitsplatz und Geld hatten sie im Exil nicht viele Optionen. 

Den Kampfgeist sowie das Durchhaltevermögen meines Vaters bewundere ich bis heute. Es ist unglaublich, wie Menschen aus einer Lage Hoffnung schöpften, die keinen Boden unter den Füßen bot.

Die Vorstellung, dass nach Ankunft im neuen Land alles besser würde, erwies sich für meinen Vater als ein Trugschluss. Kurze Zeit, nachdem er in Deutschland angekommen war, brach in Sri Lanka offiziell der Bürgerkrieg aus und meine Mutter war mit meinen beiden Geschwistern auf sich gestellt. Eine starke Frau, die mit ihren Kindern während des Bürgerkrieges ums Überleben kämpfte. Während sie von Dorf zu Dorf wanderte, verbrachte mein Vater in Deutschland die Zeit damit, das schwer verdiente Geld nach Sri Lanka zu schicken, um weiterhin unseren Lebensunterhalt zu gewährleisten. 

Aufgeben und zurückkehren, das wollte er nicht. Er war fest entschlossen, jegliche Herausforderung anzunehmen.

Gedanken an das Erlernen der Sprache wurden immer wieder verdrängt, die Migranten hatten zu viele andere Probleme im Kopf, die es zu lösen galt. Sprachinstitute waren für viele von ihnen ein Fremdwort. 

Fünf Jahre in Deutschland und ein Leben getrennt von der eigenen Familie hatten für meinen Vater zur Folge, dass ein Teil der Beziehung zu seinen Kindern und der persönliche Bezug zu der eigenen Frau verloren gingen. 

Nicht nur meinem Vater erging es so. Andere Familien machen auch heute noch ähnliche Erfahrungen. Die räumliche Trennung ist zugleich eine emotionale Trennung, die sich unbewusst einschleicht. Die Auswirkungen einer solchen Distanz spiegeln sich im späteren Miteinander wider und sind unter anderem Grund für mögliche Ehestreitigkeiten.

Eine Flucht vor irgendetwas ist stets gefolgt von Angst und Unsicherheit. Es gilt, vor dem wegzulaufen, was einem das Leben erschwert. Mit diesem Prinzip verlassen die meisten Migranten ihre Heimat. Die Reise endet in einem neuen Land und beginnt zugleich mit einer erneuten Flucht. Die Flucht vor dem Fremden und einer neuen Angst des Versagens. Aus Ratlosigkeit und Verzweiflung greifen manche zum Alkohol oder zu anderen Rauschmitteln, um sich so ein Stück weit von ihrem Gemütszustand abzulenken. 

Unter den Umständen der ständigen Flucht ist es kaum möglich, dass die betroffenen Migranten auf die Idee kommen, die jeweilige Landessprache im Exil zu erlernen, was ihnen vieles erleichtern würde. 

Um Gespräche mit einem Psychologen zu ermöglichen, fehlt das Grundwerkzeug: die Sprache. So sind Migranten, die aus einem Bürgerkriegsland flüchten, mit ihrem schweren Schicksal und ihren verletzten Gefühlen auf sich gestellt.

Die Begegnung 

Nach Jahren der Trennung kommt die Begegnung mit der eigenen Familie. 

Wie ist so ein Wiedersehen zu beschreiben? Hier gehen sicherlich die Meinungen auseinander, die Antwort überlasse ich dem Leser.

Aus der jahrelangen Trennung von der eigenen Familie resultiert eine emotionale Distanz. Mein ausgewanderter Vater musste zusehen, wie er die angereiste Familie im fremden Land versorgen würde. Zwar hatte er eine dauerhafte Arbeit im Einzelhandel gefunden, doch wie sah der Alltag für den Rest der Familie aus?

Meine beiden vom Krieg traumatisierten Geschwister wurden zum Erlernen der deutschen Sprache in ein entsprechendes Sprachinstitut geschickt, welches neben dem Besuch einer Schule gefördert wurde. Meine ebenfalls traumatisierte Mutter beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Haushalt.

Der neu entstandene Alltag, der durch einen Schein aufrechterhalten blieb, lief bei vielen Migranten-Familien in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft in Deutschland ähnlich ab. Auf den ersten Blick schien alles geregelt abzulaufen, doch in Wirklichkeit war es mehr als nur die Ordnung im Leben.

Ich würde es mit meinen eigenen Worten als ein emotionales Chaos bezeichnen, in dem sich jedes Familienmitglied befand. Angefangen beim Vater, der fünf Jahre in einer eingeengten Privatsphäre gelebt hatte, begleitet von der Trauer über die Trennung von Frau und Kindern. Dann die Mutter, die sich und ihre beiden Töchter während des Bürgerkrieges hatte beschützen müssen. Und schließlich die beiden Mädchen, die ihren Vater fünf Jahre vermisst und mit angesehen hatten, wie Menschen gestorben waren. In sich gekehrt verfolgten sie ihren Alltag in Deutschland. 

Wenn der Mann von der Arbeit nach Hause kam, gab es wenig Raum für tiefgründige emotionale Gespräche mit der Ehefrau. Erschöpft wurde der stumme Alltag zu Hause wahrgenommen, jeder war mit sich und dem Leben im neuen Land beschäftigt. Kulturelle Feierlichkeiten und Zusammentreffen mit Gleichgesinnten brachten dem stummen Alltag der Familie Abwechslung und Freude. Für einen kurzen Moment konnten sie die Umwelt und die darin enthaltenen Probleme vergessen. Eine Reise in eine altvertraute Welt. Die Flucht in die Welt der eigenen Kultur.

Die Angst vor der neuen Kultur sowie die Orientierungslosigkeit im Exil bilden den Nährboden für den Rückzug in die eigenen Kreise, aus denen man selbst gar nicht heraustreten möchte. Der Nachteil einer solchen Flucht ist eine Isolation von der neuen Kultur. Man möchte sich nur noch in gewohnten Kreisen aufhalten und vergisst dabei den Fokus auf das wesentliche Ziel. Weitere Nachteile sind unter anderem die Vernachlässigung des eigenen Partners und der Kinder. Immer wieder werden bei diesen kulturellen Feierlichkeiten die verletzten Gefühle aus der Zeit der Trennung ignoriert. Die verlorene und weiterhin bestehende Sehnsucht des Partners nach Wärme und Zuneigung erfährt man nicht in diesen gesellschaftlichen Kreisen. Dort gilt es, den aktuellen Moment zu genießen und für einen Augenblick die „alte Heimat“ wahrzunehmen.

Während die Frauen von den verletzten Gefühlen der Männer nichts mitbekommen, wissen die Männer nichts von den ebenfalls verletzten Gefühlen ihrer Frauen und Kinder. So ergibt sich eine ständig wiederkehrende Trauer für alle Beteiligten, die manchmal in emotionaler Eskalation endet.

Oft sind es diese Lücken, die betroffene Ehepaare in scheinbar ausweglose Streitsituationen bringt. Und doch suchen sie die Gründe für ihr eigenes Fehlverhalten oder das ihres Partners an ganz anderer Stelle. Sie vermuten, dass die Ursachen im enormen Arbeitsstress, in der vielen Hausarbeit oder in den Erziehungsproblemen mit den Kindern liegen. Eine Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse verursacht tiefe Enttäuschung und Trauer, die die meisten sich nicht eingestehen wollen. Auch hier entsteht eine emotionale Distanz zu den Gefühlen, die alles Fremde von sich abwehren. Dafür bieten kulturelle Orte und Gegebenheiten mögliche Rückzugsorte an. Wenn die eigenen Eltern selbst keine Gefühle zulassen, wie sollen dann ihre Kinder es tun? 

An dieser Stelle fängt die emotionale Reise zwischen den beiden Kulturen an, auf der gerade heranwachsende Jugendliche mit Migrationshintergrund zu kämpfen haben. Ich werde dies in einem späteren Kapitel näher erläutern.

Zusammenfassend ist die erste Begegnung mit der neuen und fremden Kultur für Flüchtlinge im Exil distanziert zu betrachten. Viele flüchten in das Bekannte und möchten dort weiterhin bleiben. Für die Anfangszeit wäre das vielleicht nachvollziehbar, doch eine komplette Isolation in diesen Kreisen, welche gleichzeitig die Isolation von der westlichen Welt bedeutet, ist vielen Migranten nicht bewusst. Die Ignoranz der Sprache und die fehlende Integration stehen einer angemessenen Entwicklung im Weg.

Ohne die Bereitschaft, sich für das Fremde zu interessieren und es zu akzeptieren, kann ein Vertrauen in die deutsche Gesellschaft nicht zustande kommen. 

Neben der psychischen Last, die manche Migranten mit sich tragen, bleibt wenig Platz für das Sammeln neuer Kenntnisse. Viele sind zu sehr beschäftigt mit Dingen, von denen sie überzeugt sind, dass es ihnen das verspricht, wovon sie lange Zeit geträumt haben. In Wirklichkeit haben materielle Dinge nur wenige Menschen auf Dauer glücklich gemacht. 

Viele sind fleißig und eifrig, um sich in Deutschland etwas aufzubauen, was ihnen auch gelingt, doch wie viele von ihnen sind von ganzem Herzen mit ihrem Leben tatsächlich zufrieden und glücklich? Obwohl es manchen finanziell gut geht, machen dennoch einige von ihnen einen traurigen Eindruck. Umgekehrt stellte ich das Gleiche bei manchen Frauen und Kindern fest. Sind es die Bedürfnisse des Lebens, die ein Mensch erfüllt braucht, um glücklich zu sein, die aber aufgrund der Fülle von Problemen, die sie mit sich tragen, vernachlässigt werden? Die Bedürfnisse nach Wärme, Zuneigung und vor allem nach Liebe. 

Diese Aspekte, die beispielsweise in deutschen Familien im Umgang selbstverständlich sind, sind bei manchen Migranten-Familien nicht vorhanden. Eine solche Distanz zu den eigenen inneren Gefühlen könnte seine Ursache in der Flucht aus der Heimat haben. 

An dieser Stelle möchte ich nicht alle Exil-Migranten verurteilen, die nie zuvor gelernt haben, Liebe gegenüber anderen zu zeigen. Es fällt nun mal vielen tamilischen Eltern schwer, ihren eigenen Kindern gegenüber Gefühle in Form von Geborgenheit und Wärme zu vermitteln. Der Schwerpunkt wird auf das Endziel gelegt, nämlich dass das Kind auf beruflicher Ebene das erreicht, was die Eltern von ihm erwarten. Das Ziel – die Ernte aus der schweren Reise, die sie hinter sich haben – wird mit dem beruflichen Erfolg der Kinder verankert. Eine erneute Flucht in die Zukunft der eigenen Kinder. 

Um dieses Ziel zu erreichen, sind die betroffenen Kinder einem enormen psychischen Druck seitens ihrer Eltern ausgesetzt. Der Vater sieht seine Aufgabe in der Erfüllung der finanziellen und materiellen Notwendigkeiten, während die Mutter sich um den Haushalt kümmert. Mit dieser gedanklichen Brücke bauen viele Eltern ihre eigene familiäre Welt auf. Wird diese Welt durch etwaige Probleme der Kinder gestört, versuchen sie mit allen Mitteln, diese aus der Welt zu schaffen. Dies geschieht unter anderem durch Wutausbrüche, die sich zunächst verbal äußern, die aber auch häufig in körperliche Gewalt ausarten, mit dem Hintergedanken, dass die eigene Scheinwelt wiederhergestellt wird. Im Vordergrund steht das Endziel, und dieses liegt im beruflichen Erfolg des Kindes. 

In dieser Scheinwelt gibt es zwei Säulen, auf denen die Eltern ihre eigene Zukunft aufbauen:

1. Säule: Arbeit und Haushalt (Sicherung der liquiden Mittel)

2. Säule:die berufliche Ausrichtung der Kinder im Anstreben der drei Standardberufe: Arzt, Rechtsanwalt, Ingenieur

Alles andere wäre eine Gefährdung dieser Säulen. Manche Eltern sind nicht bereit, von ihren Ansichten abzuweichen, denn sie haben ihren eigenen Standpunkt und müssen diesen vor allem ihrem Bekanntenkreis und dem eigenen Kulturkreis gegenüber vertreten. Ein unausgesprochener Wettbewerb findet statt.

Wie viele betroffene Kinder wollen einen solchen Konkurrenzkampf?

Hier könnt ihr das Buch bestellen.

Vorheriger ArtikelBabyboy ist da!
Nächster Artikel[Buchzitat] Januar
Schreiben, Lesen, Lesen, Schreiben, Bücher verschlingen, Bücher bewerten! Willkommen auf meinem Buchweltmagazin! Ich freue mich über jeden Kommentar, jede Anregung und auch jede Kritik! Viel Spass beim Lesen!
TEILEN

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here