[Leseprobe] Das Amulett der Elben – von Silvia Krautz

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Als Kind muss die magisch begabte Nalika mit ansehen, wie ihre Eltern von den Elben getötet werden. Vom Wunsch nach Rache getrieben, findet sie Zuflucht bei dem Magier Rimar, der sie ausbildet und zu ihrem engsten Vertrauten wird. Um die Elben zu vernichten, soll ihnen Nalika das mächtige Amulett des Hüters stehlen. Doch der Plan misslingt und das junge Mädchen wird mit einem schrecklichen Fluch belegt. Bald erkennt Nalika, dass sie selbst nur eine Figur in einem Kampf zwischen Rimar und den Elben ist und ihr ganzes Leben auf einer Lüge beruht.

 

Das Kind

Nalika konnte es kaum erwarten, dass ihre Mutter endlich das Haus verließ. Als sich die Tür hinter ihr schloss, kletterte Nalika vorsichtig auf die Bank unter dem Fenster. Sie blickte hinaus zu ihrem Vater, der auf dem Hof Holz hackte und sich mit dem Handrücken über die Stirn wischte. Dann sah sie zum Ziegenstall, in dem ihre Mutter gerade verschwand. Niemand achtete auf sie.

Ein zufriedenes Lächeln huschte über Nalikas Gesicht. Sie legte den Kopf auf die Arme und betrachtete den Schmetterling, der immer noch auf dem hölzernen Rahmen saß. Wie herrlich seine rotbraunen Flügel in der Sonne glänzten! Und wie dünn seine Fühler waren! Vorsichtig streckte sie eine Hand nach ihm aus. Aber noch ehe sie ihn berühren konnte, flog er davon.
Enttäuscht setzte Nalika sich auf. Ohne noch einmal darüber nachzudenken hob sie eine Hand, schloss die Augen und flüsterte: »Komm!«

Nalika hörte die Axtschläge nicht mehr, die über den Hof hallten. Nur der Schmetterling tanzte vor ihren geschlossenen Lidern, so nah und echt, als wäre er Wirklichkeit.

Erwartungsvoll öffnete Nalika die Augen und blickte auf ihre Hand. Dort, wo eben noch nichts als Luft gewesen war, schwebte ein fuchsbrauner Falter. Er ließ sich auf Nalikas Zeigefinger nieder und tastete mit den Fühlern nach ihrer warmen Haut.

Nalika strahlte vor Freude. Sie hatte es wieder geschafft! Fasziniert betrachtete sie ihren Schmetterling und musste lachen, als sein echter Zwilling neugierig herangeflattert kam. Er umkreiste den Neuen und glaubte wohl, in ihm einen Spielgefährten zu finden. Nalika ließ ihren Schmetterling ein Weilchen mit ihm tanzen. Dann rief sie ihn zurück auf ihre Hand.

Die Haustür knarrte.

Nalika zuckte zusammen, als ihre Mutter wieder in die Stube trat. Der echte Schmetterling flatterte erschrocken auf den Hof hinaus. Nalika schüttelte hastig ihre Hand, aber der andere saß auf ihrem Finger, als hielte ihn etwas dort fest.

Die blonde Frau blickte ihre kleine Tochter lächelnd an. Doch als sie den Schmetterling sah, stockte ihr der Atem. Sie stellte die Milchkanne ab und schloss mit dem Ellbogen die Tür. Hastig schlug sie nach dem Falter. Als ihre Finger seine Flügel berührten, löste er sich in Luft auf.
»Aber Mutter! Warum machst du das?«, protestierte Nalika und sprang von der Bank.

Ihre Mutter ging in die Hocke, nahm Nalikas Hände und sah ihr fest in die Augen. Ihre Finger waren kalt. »Tu das nie wieder, Nalika! Nie wieder, hörst du! Wie oft soll ich dir das denn noch sagen?«
Nalika zog die Brauen zusammen. Natürlich wusste sie, dass sie den Schmetterling nicht rufen sollte. Aber es machte ihr Spaß! Sie verstand einfach nicht, was ihre Mutter daran so störte. »Warum denn nicht? Es ist doch nur ein Spiel.«

»Ach, Kind, versteh mich doch. Es ist gefährlich!« Ihre Mutter nahm sie fest in die Arme. Nalika spürte, dass ihre Hände zitterten und ihr Herz schneller schlug. Wovor hatte sie nur solche Angst?
»Er wird dich holen, wenn du nicht aufhörst, Dinge erscheinen zu lassen. Er wird dich uns wegnehmen, Nalika! Genauso wie …« Ihre Mutter biss sich auf die Lippen, als hätte sie etwas gesagt, das sie lieber verschweigen wollte. Nalika sah eine bittere Traurigkeit in ihren Augen, als sie zu ihr aufblickte. »Und deshalb musst du vorsichtig sein. Verstehst du das?«

Nalika schüttelte stumm den Kopf. Beunruhigt von den bedrohlich klingenden Worten schmiegte sie sich enger an die Mutter.

Draußen schlug warnend der Hofhund an. Einen Moment später brach das heisere Bellen jäh ab. Der Klang der Axt, mit der Nalikas Vater vor dem Haus Holz spaltete, verstummte.
Eine unheilvolle Stille legte sich über den Hof.

Ihre Mutter hatte den Kopf gehoben, als der Hund zu bellen begann. Nun löste sie sich aus Nalikas Umarmung und schaute aus dem Fenster.

Nalika folgte ihrem Blick. Eben noch war es ein strahlender Sommermorgen gewesen. Aber von einer Sekunde zur anderen wogten Nebelschwaden auf der Wiese. Ungläubig starrten Mutter und Tochter auf die fahlen weißen Schleier. Plötzlich erklang eine Männerstimme, harsch und kalt wie splitterndes Eis:

»Gebt uns das Kind!«

Nalika riss verdutzt die Augen auf. Das Kind? Meinte er sie? Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Was war das für eine seltsame Stimme, die ihr durch Mark und Bein drang?
Nalika sah, wie ihre Mutter die Hand auf den Mund presste, um einen Schreckenslaut zu ersticken. Ihre Stimme verwandelte sich in ein heiseres Flüstern: »Er ist hier! Er hat uns gefunden!«

 

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