Hoffnung

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Irgendwann

(Janna Ruth)

»Was soll das heißen, sie ist nicht da?« Fassungslos sah Frederick seinen Bruder an.

Tomas stand da und wagte es nicht einmal, ihn anzusehen. Stattdessen blickte er sich suchend nach Hilfe um, während er seine Worte wiederholte: »Es ist seit einer Stunde dunkel und Johanna ist nicht gekommen. Es hat nicht funktioniert.«

Die Worte machten keinen Sinn, wollten einfach nicht in Fredericks Kopf rein, in dem die Melodie der langen Nächte noch widerhall. Sieben Monate lang hatte er jede Nacht mit Johanna getanzt. Alles hatte er dafür getan, dass sie sich wohlfühlte, ihr jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und sie wie eine Königin behandelt. Sie hatte sich in ihn verliebt, hatte sie gestanden, und Frederick hätte nicht glücklicher sein können. Dieses Mal war er sich sicher gewesen, dass er dem Fluch entkommen würde, der sie alle hier unten hielt.

»Gibt’s ein Problem?« Luca hatte sich zu ihnen gesellt, seine Hand schützend auf Tomas’ Schulter legend. Auch die anderen Prinzen kamen langsam näher. Ihre mitleidigen Blicke stachen in Fredericks frisch gebrochenes Herz und er verfluchte die Musik, die jede Gefühlsregung in sich aufnahm und tausendfach widergab.

Tomas übernahm es, die anderen über sein Versagen in Kenntnis zu setzen: »Johanna kommt nicht mehr. Sie hat Frederick im Stich gelassen.« Ein Misston. Frederick zitterte.

»Sieben Monate, Mann«, begann Luca und streckte nun die Hand nach Frederick aus.

Blitzschnell wich Frederick aus und endlich gelang es den Worten, einzusinken. Er hatte verloren: Johanna und mit ihr seine Freiheit. »Fass mich nicht an, Luca!« Zorn brodelte in ihm hoch und brannte den Schmerz von seiner Seele. Luca war der Letzte gewesen, der mit ihr gesprochen hatte. »Ich habe euch gesehen.«

Lucas Gesichtszüge verhärteten sich und ein kühler Blick trat in seine stahlblauen Augen. »Und? Meinst du etwa, ich habe ihr gesagt, sie soll dir lieber fernbleiben? Was hätte ich denn davon?«

Frederick wusste es nicht, wusste nur, dass er die beiden am Morgen noch im Wald gesehen hatte. Zwischen den klirrenden Silber- und Goldzweigen hatte Luca sich zu ihr hinübergelehnt und ihr etwas ins Ohr gewispert.

»Ich weiß es nicht, Luca. Erzähl du es mir!«, forderte er den Bruder auf und ließ der Wut freie Bahn. Wenn Luca der Grund war, warum Johanna diese Nacht verstreichen ließ, wollte er Blut sehen.

Luca trat gemächlich näher, mit jeder Bewegung bedrohlicher wirkend. Schließlich, – als nur noch wenige Millimeter sie voneinander trennten -, flüsterte er, sein Atem heiß auf Fredericks Haut: »Sie hat dich einfach nicht mehr geliebt.« Für einen Moment verstummte die Musik.

Dann setzte sie einem Crescendo gleich wieder ein. Mit einem Wutschrei warf Frederick sich auf den jüngeren Bruder und rammte ihm seinen Kopf in die Brust. Keuchend stolperte Luca nach hinten, griff jedoch sofort mit dem rechten Arm nach ihm und nahm ihn in den Schwitzkasten. Die Töne prasselten auf sie ein, wurden immer lauter und schriller. Lucas Arm presste gegen Fredericks Nacken und drückte ihn nieder, bevor er auch schon seine Faust im Magen spürte. Bittere Galle bahnte sich ihren Weg nach oben und heiße Tränen stiegen ihm in die Augen, während er wild um sich schlug und trat.

Schmerz, Zorn und Musik wurden eins.

Frederick sah und hörte nichts mehr, spürte nur noch den Takt der Melodie, mit dem er auf den Jüngeren einschlug. Sein eigener Körper schmerzte, aber das war nichts Neues. Er schmerzte schon, seit er dem Fluch erlegen war, schmerzte davon, dass er ihn jeden Abend erneut in den Tanz zwang. Im Gegensatz dazu war der metallene Geschmack von Blut auf seiner Lippe eine willkommene Abwechslung.

Mit einem Mal wechselte das Lied und eine sanftere Melodie setzte ein. Jemand zerrte Frederick am Arm fort von seinem verhassten Bruder. Durch einen roten Dunstschleier sah er, wie die anderen Brüder, allen voran Tomas, Luca besorgt umschwirrten. Zufrieden stellte Frederick fest, dass er zumindest dessen Haare in Unordnung gebracht und das verdammte Lächeln von seinen Zügen geprügelt hatte.

Erst als ihn zwei Hände auf die Sitzbank stießen und ihm ein Glas des blauen Cocktails in die Hand drückten, für den das DeModie so berühmt war, widmete Frederick seinem Gegenüber Aufmerksamkeit. Sein ältester Bruder, Immanuel, ließ sich auf die gegenüberliegende Bank sinken und rieb sich die Stirn. »Manchmal glaube ich echt, ihr habt alle den Verstand verloren. Zumindest jede Benimmregel ist euch völlig abhanden gekommen. Wir können froh sein, dass das unsere Mutter nicht sehen muss.«

»Dreihundert Jahre, Manu. Wir sind hier seit dreihundert verdammten Jahren.« Bevor er sich noch weiter in Rage redete, nahm Frederick lieber einen Schluck und atmete erleichtert aus, als das zauberhafte Getränk den bitteren Geschmack aus seiner Kehle spülte. »Ich dachte, diesmal schaffe ich es. Diesmal löse ich den Fluch. Es waren doch nur noch fünf Monate.« Wütend wischte sich Frederick über die Augen. Johanna war es nicht wert, dass man um sie weinte, nicht jetzt, wo sie ihr Versprechen gebrochen hatte. Den Rest des Glases trank er mit einem Schluck.

Ohne nachzufragen, füllte Immanuel erneut das Glas. »Es tut mir leid, dass sie nicht die Richtige war. Ich dachte wirklich, ihr beide könntet es schaffen.«

Die Bitterkeit kam wieder hoch. »Hätten wir auch, wenn Luca sich nicht eingemischt hätte. Johanna war mein Mädchen, meine Tänzerin.« Mit Wucht schleuderte Frederick das Glas auf die Tanzfläche, wo es klirrend zerbrach. Drüben an der Bar sahen Tomas und Luca nur kurz auf, bevor sie wieder die Köpfe zusammensteckten.

»Luca hat sich in Johanna verliebt«, meinte Immanuel ungerührt und nahm selbst einen Schluck aus der Flasche.

»Was?«

Der große Bruder seufzte. »Immer wollt ihr beiden dasselbe. Nie gönnt ihr einander den Vorteil.«

»Er hat kein Recht. Ich bin der Ältere«, ereiferte Frederick sich und spürte, wie der Zorn in ihm wieder hochkochte.

Immanuel hob lediglich eine Augenbraue und das schlechte Gewissen, das mit einem Mal auftauchte, erstickte die Wut. Kleinlaut und ein wenig hilflos sah Frederick seinen älteren Bruder an. »Wie erträgst du das nur?«

Diesmal schnaubte Immanuel. »Dass Nacht für Nacht ein Mädchen hier herunterkommt und mit einem meiner Brüder tanzt? Manchmal Monate lang, so dass ich seine Freiheit schon riechen kann?« Betroffen nickte Frederick und Immanuel lächelte. »Hoffnung, Frederick. Hoffnung.«

Er lehnte sich zurück und schloss die Augen, ein seliges Lächeln auf seinen Lippen. »Ich hoffe, dass sie eines Tag kommt. Die Frau, die sich nicht darum schert, wie gut Luca aussieht oder was für ein guter Tänzer du bist. Ich hoffe, dass irgendwann die Eine dabei ist, die mich auswählt. Und wenn sie kommt, dann wird sie die Richtige sein. Die, die den Fluch löst und ich werde frische Luft auf meiner Zunge schmecken. Die Sonne wird mir das Gesicht wärmen und die Vögel werden singen, so viel lieblicher als die Musik hier unten.« Immanuel öffnete die Augen und sah ihn an. »Irgendwann kommt sie, Frederick. Irgendwann kommt die Richtige.«

***

Ein einzelnes silbernes Blatt lag vor ihm auf den Boden, inmitten von Staub und Trümmern. Eine letzte Erinnerung an all die Pracht. Es würde Jahre dauern, bis das DeModie sich wieder erholt hatte.

Frederick hob das Blatt auf und drehte es zwischen den Fingern. So einsam klang keine Musik aus dem Blatt. Genau wie in Frederick, seit Immanuel seine Tänzerin gefunden hatte. Jetzt war er er gänzlich alleine. Die anderen Brüder hatten sich ins Schloss zurückgezogen und Frederick im Schutt zurückgelassen. Als ob das alles seine Schuld gewesen war.

Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Vielleicht war es das sogar gewesen und wenn dem so wäre … Luca hatte nicht einmal mehr Worte in seinem Zorn gefunden. Diese Genugtuung nach all den Jahren war es wert gewesen.

Behutsam legte Frederick das Blatt auf den Bartresen und langte in Tomas’ heiliges Reich, um sich einen Drink zu mixen. Es würde sicher dauern, bis er wieder die grässliche Musik hören würde, die ihm keine Ruhe ließ. Vielleicht wäre das nächste Mal sogar er wieder an der Reihe.

Irgendwann.

»Mixt du mir auch einen?«, erklang hinter ihm eine Frauenstimme und das Blatt vibrierte, einen einzelnen Ton in seinen Schoß fallen lassend. »Ich hatte einen grässlichen Tag, aber nichts gegen das hier offensichtlich. Gab’s eine Razzia?«

Mit jedem Wort mischten sich neue Töne in die altbekannte Melodie und Frederick wusste nicht, ob er weinen oder lachen sollte. Schließlich drehte er sich um und musterte die junge Frau, die vor ihm stand. Älter als die Letzte war sie, aber hübsch. Das Make-up etwas verschmiert.

Frederick schüttelte den Kopf. »Nein, aber einen Drink ist es dennoch wert. Heute ist ein guter Tag.« Mit etwas Schwung holte er zwei Gläser hervor und goss ein, während sie es sich auf dem Barhocker neben ihm bequem machte und verlegen lächelte.

Der Tanz würde von Neuem beginnen, das spürte er bereits im Blut.

Und vielleicht war dieses Mal ja Irgendwann.

Hoffnung lässt sich überall finden.

In dem weißen Schnee, der alles andere verdeckt und die graue Alltagswelt zum magischen Winterwunderland macht.

Im sanften Schein eines Feuers, das von innen wärmt.

Im steten Regen, der alles von uns wäscht.

In einem freundlichen Wort, das zwischen Fremden wechselt.

In einer kleinen Geste, die von Herzen kommt.

Und in einem Blick, der einem sagt, dass man nicht alleine ist.

Nicht für immer.

Hoffnung ist das wertvollste Gut, das wir haben. Keine andere Macht hebt uns wieder auf, wenn wir am Boden sind. Keine andere Macht verleiht uns jeden Tag aufs Neue die Kraft, die wir brauchen, um der Nacht zu begegnen. Wenn alles verloren ist, wir weder Geld, noch Heim, noch Liebe mehr haben, dann haben wir immer noch Hoffnung.

Mit ihr wagen wir jedes Risiko, überwinden jede Schwierigkeit und irgendwann wird die Sonne wieder scheinen, die Tage wieder wärmer werden und das Leben wieder ein Stückchen schöner.

Irgendwann.

 

Die Autorin: Janna Ruth ist Autorin für alle Spielarten der Fantasy und Jugendbücher. 1986 in Berlin geboren, hat sich Janna schnell von den fantastischen Welten der Märchen angezogen gefühlt. Bereits in jungen Jahren erfand sie dabei eigene Geschichten, die sie anfangs noch malte. Die Liebe zum Comic und später Manga legte schließlich den Grundstein für ihre folgenden Romane. Aktuell arbeitet Janna übrigens an einem Dark Fantasy Zyklus, einem historischen Roman und den Zeichen der Macht, ihrer Urban Fantasy Reihe. Hier kommt ihr zu ihrer Webseite. 

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