Hoffnung

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Die Heimkehr

Von der Straße aus sah man es nicht, obwohl es auf einer kleinen Anhöhe gelegen war. Aber die Bäume und Sträucher, von lang vergangenen Generationen von Vorbesitzern gepflanzt, bildeten eine undurchdringliche Wand aus Laub und Geäst. Wie das Dornröschen-Schloss, dachte Tobias. Ein seltsames Gefühl von Vertrautheit bemächtigte sich seiner. Ein Feldweg wand sich widerstrebend in Richtung des kleinen Hauses, dass ihm von nun an Heimat sein sollte, und Neubeginn außerhalb des Lichts der Öffentlichkeit, in dem er seit seinem beruflichen Erfolg gestanden hatte.

Es gab viel zu tun. Das meiste wollte er selbst machen. Von außen hatte man das Gebäude mit weißer Farbe frisch gestrichen, die hölzernen Fensterläden glänzten lackschwarz, Clematis und Efeu sowie einige Kletterrosen hatten sich würdevoll an den Mauern emporgerankt.

Innen jedoch erschien jeder Winkel besonderer Pflege und Aufmerksamkeit zu bedürfen. Überall gab es kleine Nischen und Abseiten, die als Vorratskammern, Abstellräume oder Verstecke gedient haben mochten.

Tobias öffnete hastig Türen und Fenster, um der zähen Umklammerung des leicht modrigen Geruchs zu entgehen, der sich in den vergangenen Jahren in Bodenbelägen und Tapeten festgesetzt hatte. Bald würden die Handwerker kommen, die helfen sollten, diese zugunsten hölzernen Parketts und einer schlichten Struktur-Tapete zu beseitigen.

Gottseidank hatte es aufgehört, zu regnen. Der Sommer wurde zwar nicht müde, die Natur in satte Farben zu tauchen, die andauernde Nässe jedoch verdarb Tobias die Freude an allem, was die Jahreszeit zu bieten hatte. Trotz allem: Er fühlte sich, er war zu Hause.

Das Badezimmer im 1. Stock war schwarz gekachelt. Fast ein wenig unheimlich, wenn man nicht daran gewöhnt war. In jeder Wand spiegelte man sich. Sogar die roten Haare auf seinem Kopf erschienen wie eine lodernde Flamme, und die dunkle, etwas zu wuchtige Brille umrahmte seine Augen wie die eines Gespenstes.

Die Fliesen des Fußbodens waren aus grauer Keramik. Und zwischen der Toilette, die leicht erhoben auf einem kleinen Podest stand, und dem Waschbecken, befand sich -wie sollte es auch anders sein – eine Tür, die, an das Dach angepasst, im oberen Teil  schräg endete.

Tobias öffnete. Er musste, um in den kleinen Raum zu schlüpfen, den Kopf einziehen. Sein Blick fiel auf eine prächtige Nähmaschine voll bunter, floraler Intarsien, mit einem gewaltigen Schwungrad, und einem gusseisernen Pedal, das die Bewegung mittels eines Lederriemens auf dasselbe übertrug. Der Mechanismus schien intakt zu sein. Der rhythmische Druck seines Fußes führte zu reibungslosem Fluss von Nadel und Schiffchen.

Am Ende des Raums fand sich eine kleine, altmodische Kommode, mit einer Schublade und einer kleinen Tür. Der cremefarbene Lack war an vielen Stellen abgestoßen und abgeblättert. In der Schublade befanden sich einige Glasfläschchen, die wohl dem Aufbewahren von Pillen oder Tinkturen gedient haben mochten. Hinter der Tür verbarg sich altes Spielzeug. Eine Puppe aus Celluloid, deren Arme und Beine hilf- und willenlos vom Körper pendelten, da die elastischen Bänder sich zersetzt hatten. Ein Teddybär, der, entpelzt und mit durch eine aufgeplatzte Naht hervorquellender Holzwolle, den Finder anklagend mit seinem verbliebenen Glasauge anstarrte. Einige farbige Holzklötze. Und ein Frosch aus grün lackiertem Blech, den man mit einem an der Seite befindlichen Schlüssel aufziehen und springen lassen konnte.

Auf dem Boden des kleinen Verstecks lag ein vergilbter Zettel. Mit einem Bleistift hatte jemand Worte darauf geschrieben, in krakeliger Kinderschrift. „Niemand mag dich!“, stand dort zu lesen.

Niemand mag dich.

Niemand …

Es handelte sich um ein Blatt Papier, das der Autor dieser Ungeheuerlichkeit aus seinem Schulheft, vermutlich dem Rechenheft, wegen der Karos, herausgerissen und insgesamt 4 Mal gefaltet hatte, um es seinem Opfer in den Ranzen, oder das Schulbuch zu schieben, in einem unbemerkten Moment. Erst zu Hause sollte es gefunden werden. Erst zu Hause sollte es Trauer bereiten, und feige die Geborgenheit der kleinen Welt des Empfängers zerstören.

Niemand mag dich.

Tobias‘ Herz zog sich zusammen. Seine Knie gaben nach, er musste sich auf den Boden setzen. Den Ursprung der Tränen, die jetzt seine Wangen heruntertropften, vermochte er nicht zu benennen. Mitleid? Kummer? Hilflosigkeit? Er spürte den Schmerz, den vor einiger Zeit dieses Kind empfunden haben mochte.

In dieser Nacht schlief er unruhig. Das lag nicht allein an dem provisorischen Lager, dass er sich mit einer auf dem Boden liegenden Matratze eingerichtet hatte. So sehr, wie er sich auf dieses Häuschen gefreut hatte, so unmöglich war es ihm, angesichts des Leides, das hier stattgefunden hatte, seinen Frieden zu finden.

Das Haus hatte eine Weile leergestanden. Die letzten Besitzer waren kinderlos. Allerdings hatte davor eine Familie mit einem kleinen Jungen dort gewohnt. Diese wäre dann fortgezogen. Wohin, könnte man leider nicht sagen. Der Junge sei hier zur Schule gegangen, und in den Kindergarten der nahegelegenen Kreisstadt.

Der Pfarrer zog einige Folianten aus dem staubigen Regal, blätterte, tippte auf verschiedene Namen, legte grübelnd den Finger an die Nase. Ja, er sei damals junger Kaplan gewesen, als das Paar hierher zog. Der Junge sei hier geboren und getauft. Ansonsten sei das Kind nicht in Erscheinung getreten. Wie jedes andere, habe es den Kommunions-Unterricht besucht. Und den sonntäglichen Kirchgang absolviert. Und zur Beichte gegangen. Routine. Zum Ministranten hätte es nicht gereicht, da seien andere würdiger gewesen. Der Kleine sei sehr ungeschickt gewesen, viel hingefallen. Man stelle sich das vor, bei einem Messdiener.

Ein unauffälliges Kind, erinnerte sich im Kinderhort die alte Erzieherin. Blass, kränklich, schüchtern. Seine Kurzsichtigkeit hatte zunächst niemand bemerkt. Vermutlich war deswegen seine Zurückhaltung beim Spielen dadurch bedingt.

Kein Wunder, dachte Tobias, wenn der Kleine nicht richtig sehen konnte. Es war nicht schwer für ihn, das nachzuempfinden, war er doch selbst Brillenträger und verunsichert, wenn er die Gläser einmal verlegt hatte. Ungeschickt und zurückhaltend?

Der Lehrer, den er, den heimtückischen Zettel in der Hand haltend, besuchte, lachte. An den Namen könnte er sich nicht erinnern, kicherte er, wohl aber an das mangelnde Geschick des Knaben, der sich mit Ach und Krach durch seine Schulzeit manövriert hatte. Ja, der Verfasser der anonymen Botschaft war zwar nicht zu loben. Er hätte aber auch nicht die Unwahrheit gesagt. Niemand, wirklich niemand hatte ihn gemocht. Seiner Meinung nach hätte der Junge gar nicht auf eine weiterführende Schule gehen dürfen. Seine Leistungen hatten zu wünschen übrig gelassen, besonders in Mathematik und den Naturwissenschaften.

Tobias machte sich nachdenklich und traurig auf den Heimweg. Was mochte aus dem kleinen, ungeschickten Jungen geworden sein?  Ungeliebt zu sein. Nicht beachtet, ja gehasst zu werden! Er schien keinen besonderen Eindruck hinterlassen zu haben. Aber er hatte sich auch nicht bemerkbar gemacht. Er hatte sich nicht gewehrt. Freiwillig hatte er sich mit der Rolle des Opfers abgefunden, so schien es.

Wie töricht dies Kind doch war. Kämpfen hätte er sollen. Protestieren. Sich zur Wehr setzen. Und was war mit seinen Eltern? Hatten die keine Veranlassung gesehen, ihrem Sprössling beizustehen? Hatten sie ihr Kind geliebt? Obwohl es nicht so war, wie die anderen Kinder? So geschickt, so mutig? So tüchtig in der Schule, ohne körperliche Gebrechen? Ein Versager. Man durfte sich da nichts vormachen. Das Kind hatte versagt. Es wäre zu einfach, den Eltern die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. Wenn dem Jungen die Voraussetzung fehlten, hätten auch die wohlwollendsten Eltern nichts aus ihm herausholen können. Geschah ihm ganz recht. Wie hätte man ihn, den so wenig Liebenswerten, denn auch lieben können? Hoffnungslos.

Die abendliche Dämmerung brachte Feuchtigkeit mit sich, deren aufdringliche Kälte durch seine Kleidung auf die  Haut kroch. Der noble Duft frisch gemähten Grases, den die untergehende Sonne mit letzter Kraft hervorgebracht hatte, erfüllte die Luft, und weckte Erinnerungen, die ihn in eine tiefe, unerklärliche Wehmut tauchten.

Von der Straße aus sah man es nicht, das Haus, obwohl es auf einer kleinen Anhöhe gelegen war. Aber die Bäume und Sträucher bildeten immer noch eine undurchdringliche Wand aus Laub und Geäst. Gemacht, sich dahinter zu verstecken, dachte Tobias. Das Gefühl verlorener Hoffnung, peinigte ihn zunächst. Dann trug es ihn fort. Der vertraute Weg ging ein Stück weit bergauf und hatte ihm Mühe bereitet. Aber während er lief, nahm die Anstrengung ab. Er fühlte sich wie getragen. Immer schneller lief er, auf das Haus zu, sein Zuhause. Warmer Schein, wie von Kerzen, drang durch die Scheiben. Er war angekommen. Endlich. Alles würde gut werden.

Auf dem Boden hinter der Tür lag ein Stück Papier. Im Archiv der Schule hätte, so die Notiz des Lehrers, er ein altes Klassenfoto entdeckt. Der Junge, nach dem er sich erkundigt hätte, stünde, etwas abseits von der Klasse, an der linken Seite.

Er drehte das Papier herum und betrachtete das Kind, abseits der kleinen Pyramide, die der Fotograf aus seinen Klassenkameraden mit so großer Sorgfalt konstruiert hatte. Unbeteiligt, der Gruppe nicht zugehörig, scheinbar, woran sich niemand zu stören schien.

Er stand in der Tat auf der linken Seite. Die roten Haare auf seinem Kopf erschienen wie eine lodernde Flamme, und die dunkle, etwas zu wuchtige Brille umrahmte seine Augen wie die eines Gespenstes.

Der Autor: Mein Name ist Peik Volmer. Nach dem Abitur in Cuxhaven folgte die Ausbildung zum Krankenpfleger am dortigen Stadtkrankenhaus. Dann habe ich Medizin studiert, an der FU Berlin. Dort fand auch meine Facharzt-Ausbildung zum Urologen statt. Ja, und dann ging’s nach Hamburg, in meine eigene Praxis. Ich hatte immer gesagt: Wenn ich diese Arbeit nicht mehr mit ganzem Herzen mache, höre ich auf. Im Dezember 2015 war es so weit, mit dem Aufhören. Begonnen habe ich mit dem Schreiben. Mein Erstling, „Auf die Liebe muss man warten“ erschien im Januar 2017. Leider bei Novum, einem DKZV. Schrecklich. Wenn die Ihr Geld verdient haben, wirst Du völlig unwichtig – es sei denn, Du bist bereit, weiterzuzahlen. Dann hast Du die Chance auf dezente Werbung. Aber das übersteigt meine Möglichkeiten. Und so will ich das auch nicht haben. Hier findet ihr mehr Infos über den Autor. 

 

 

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2 KOMMENTARE

  1. Klasse Geschichte! Ich wusste bis zum Schluss nicht wie sie endet. Schön das der Junge, eben der Erwachsene Tobias dann doch Erfolg gehabt hat. Ich hatte schon Schlimmes befürchtet.
    Wirklich gut geschrieben.
    Ute Mrozinski.

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