Energie

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Geht dir das auch so? Besonders jetzt, in der dunklen Jahreszeit, scheint dein Energielevel schneller zu sinken als sonst. Du kannst dich nach der Arbeit kaum mehr aufraffen und landest schlimmstenfalls auf dem Sofa vor dem Fernseher. Da hilft nur eins: Stacheldraht aufs Sitzmöbel und Stecker ziehen … 

Doch Spaß beiseite: Bewegung kann helfen. Yoga oder eine Runde an der frischen Luft. Nachhaltiger funktioniert bei mir aber eine längere Auszeit. Zum Beispiel das Wort- und Bild-Seminar in der Bundesakademie mit dem Comiczeichner Flix. Drei Tage abtauchen, den grauen Zellen Spaß gönnen und das Leben mal nicht so ernst nehmen. Das Beste daran: Man trifft Leute, die ähnlich ticken wie man selbst. Und manchmal entwickelt sich dadurch eine ganz eigene Dynamik. Da sagt einer: „Lass uns eine Advents-Challenge machen.“ Und schon bist du mittendrin. So passiert im letzten Dezember: Plötzlich hatte ich noch Energie, abends am Küchentisch den täglichen Engel zu zeichnen und im Netz zu posten. Vierundzwanzig leicht schräge Engel-Charaktere sind dabei entstanden. Und natürlich kam gleich mein Autoren-Kopf-Kino in Gang: Wer waren die? Wie sind sie wohl zu Tode gekommen? Und wie ist das Engeldasein eigentlich so? Eine der Kurzgeschichten, die dabei herausgekommen sind, handelt von Marvin …

HOLY CLOUD SERVICE

Marvin packt alles Nötige ein: Laptop und Joystick, Energy Drinks, Müsliriegel, die Karte vom Pizzadienst. Und ganz wichtig: den Mehrfachstecker, damit ihm der Saft nicht ausgeht. Das Kabel daran ist alt, an machen Stellen fehlt die Isolierung, aber bisher ist es immer noch gut gegangen. Schließlich sind Steckdosen auf LAN-Partys Mangelware, das weiß Marvin aus Erfahrung.

Wenig später hockt er Schulter an Schulter mit den anderen Gamern im Keller, hämmert auf Joystick und Tastatur, als hinge sein Leben davon ab. Adrenalin rauscht durch seine Adern. Sein Puls rast.

Nach drei Tagen ohne Schlaf flackert sein Blick nervös zum Tanz der Pixel. Sein Magen knurrt, doch er kann jetzt nicht stoppen, so kurz vorm höchsten Level.

Blind tastet Marvin über den Pizzakarton neben sich, doch statt den Pizza-Rest findet er ein blankes Kabel.

Ein Zischen, ein jäher Schmerz, er zuckt und krampft, dann wird es schwarz um ihn.

Game over.

Vollkommene Stille. Marvin schlägt die Augen auf. Die Kellerwände sind verschwunden. Er ist allein auf einer weiten Ebene. Wolken, soweit das Auge reicht. Wolken bestehen aus winzigen Wassertropfen und taugen wohl kaum als Sitzgelegenheit. Trotzdem – eins der wattegleichen Gebilde trägt nicht nur ihn, sondern auch sein Laptop.

Ein überirdisches Leuchten umgibt das Gerät. Die fettigen Fingerspuren, die Pizza-Krümel zwischen den Tasten – verschwunden. Stattdessen liegt auf der Tastatur ein Frisch-desinfiziert-Schild. Und auf dem blankpolierten Bildschirm blinkt ein Cursor auf weißem Grund. Darin, schemenhaft, sein eigenes Spiegelbild.

Erst jetzt fällt Marvin auf, dass er statt Jeans und Darth-Vader-Shirt ein weißes Gewand trägt. Er wackelt mit den nackten Zehen. Wo zum Henker sind seine Chucks geblieben? Und warum juckt sein Rücken wie Hölle?

Er schiebt einen Arm nach hinten, bis seine Finger an ein Hindernis stoßen. Da wächst etwas aus seinen Schulterblättern! Marvin kratzt sich heftig, was aber kaum Erleichterung bringt. Federn wirbeln vorbei. Verwirrt blickt er ihnen nach.

„Hallo?“, fragt er zaghaft. Keine Antwort. Nicht mal ein Echo ist zu hören. Nur der Cursor blinkt ihn auffordernd an. Jetzt erkennt Marvin die schemenhaften Umrisse eines Chat-Fensters. Weiß auf weißem Grund – wer hat das bloß eingestellt? Er fegt das Desinfiziert-Schild von der Tastatur.

Ist da jemand?, tippt er, und fügt nach kurzem Zögern ein Unsicherheits-Emoticon ein. (Man weiß schließlich nie, ob Worte allein das Gemeinte richtig transportieren.)

Enter.

Drei hüpfende Punkte erscheinen. Jemand schreibt, verkündet der Chat.

Gespannt starrt Marvin auf das Display.

Endlich poppt eine Sprechblase auf. Hallo Marvin.

Wer bist du? Verwirrt-guck-Emoticon. Enter.

Ich bin Jemand, antwortet der andere.

Na toll.

Wo zum Teufel bin ich?, tippt Marvin, löscht das zum Teufel wieder raus, Enter.

Dies ist die Unendlichkeit, antwortet Jemand.

Aha. Dazu fällt Marvin ad hoc nichts ein, wobei Jemand wohl auch keine Antwort erwartet, denn er schreibt schon wieder:

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Marvin seufzt und klickt den Ich-stimme-zu-Button an, worauf sich ein neues Fenster öffnet.

Willkommen beim Holy Cloud Service!

Als neuer Administrator der Cloud sind Sie mit allen notwendigen Rechten ausgestattet. Die Bedienung erfolgt in der Regel intuitiv. Sollten Sie wider Erwarten eine Anleitung benötigen, finden Sie ein Administrator-Handbuch im Download-Bereich. Viel Erfolg!

Holy Cloud Service? Administrator? Was zum … Marvin sieht sich um, doch er kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, wo hier eine Kamera versteckt sein könnte.

Bitte bestätigen Sie mit OK, blinkt es auf dem Bildschirm.

Von wegen! Sollen die sich doch einen anderen Deppen suchen!

Er versucht, die Meldung auszublenden, doch der OK-Button folgt dem Maus-Zeiger wie ein anhängliches Tier, bis Marvin ihn schließlich doch anklickt.

Na bitte! Nichts tut sich. Trotzig verschränkt Marvin die Arme, als die Anfragen eintreffen wie Tropfen aus einem undichten Wasserhahn:

Ein gewisser Gabriel beschwert sich über die unterirdische Übertragungsrate, Raphael behauptet, seine Daten seien irgendwo im Nirvana verschwunden und Uriel jammert, dass er mit dem neumodischen Kram überhaupt nicht mehr klarkäme. Mindestens fünf Priorität-1-Anfragen von einem Typ, der sich Godfather nennt, enthalten Fragen wie: Was passiert, wenn ich jetzt auf diese Taste drücke?

In der Unendlichkeit befindet sich so mancher wohl noch in der informationstechnischen Steinzeit, denkt Marvin und legt los.

Stunden später hat er Einhundertsiebenundzwanzig Anfragen bearbeitet, eine Schutzengel-App programmiert und im Angel’s-Play-Store hochgeladen sowie einen Virus namens Luzifer eliminiert, der bereits die halbe Cloud befallen hatte.

Unermüdlich rasen Marvins Finger über die Tastatur. Er weiß nicht mehr, wie lange er schon hier ist und ob es jemals eine Pause geben wird, als der Strom der Anfragen plötzlich abreißt.

Gratuliere! Sie haben den nächsten Level erreicht, erscheint auf Marvins Bildschirm. Gleichzeitig spürt er, wie seine Wolke sich hebt.

Noch während Marvin gemächlich höher schwebt, reißt ein gleißender Blitz die Wolkendecke auf. Durch das entstandene Loch wird ein Mann geschoben. Die Wolke, auf der er hockt, stoppt auf dem unteren Level und schließt die Lücke.

Wie Marvin, trägt der Neue ein weißes Gewand, am Rücken mit zwei senkrechten Schlitzen, durch die sich bereits die ersten Federn schieben. Vor seinen im Schneidersitz verschränkten Beinen thront ein leuchtender Laptop, auf dessen weißem Bildschirm ein Cursor blinkt.

Die Autorin: Susanne Fletemeyer schreibt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Ihre drachenstarke Adventsgeschichte „Jaskar und der Weihnachtsengel“ schrieb und illustrierte sie erst nur für ihren Sohn, bevor sie es als Buch in die weite Welt entließ. 2016 erschien ihr Romandebüt „Finde mich! – Glück in kleinen Dosen“. Zur Zeit arbeitet sie an einem Krimi. Mehr über die Autorin: www.fletemeyer.net

 

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2 KOMMENTARE

  1. Huhu!

    Die Geschichte ist genial! Vielleicht solltest du deine Engel-Geschichten als Taschenbuch rausbringen. 🙂

    LG,
    Mikka

    P.S.: Und das mit der Energie kenne ich nur zu gut.

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