[Interview] Deva Manick im Glashaus

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Du bist nicht der ‚typische‘ Flüchtling aus dem Jahr 2017 – stammst nicht aus Nordafrika. Gibt es deiner Meinung nach zu wenig Aufmerksamkeit für Menschen wie dich?
Die Aufmerksamkeit ist in Vergessenheit geraten, weil es bisher ein „Never Ending Talk“ war in der Öffentlichkeit. Das was ich behandle ist die Ursache und Entstehung der Parallelgesellschaften. Wie kann es sein, dass wir Menschen 3 Generation in Deutschland lebend haben und  diese sich nicht deutsch fühlen.
Durch die Flüchtlingswelle, die seinen eigentlichen Beginn Ende 2014 begann, ist das eigentliche Thema in den Hintergrund gerückt.

Für im Exil-lebende Menschen anderer Kulturen, die sich vielleicht in der europäischen Kultur nicht auf Anhieb perfekt zurechtfinden?
Hier führt der Weg ins „Glashaus“ zurück und auch nur von dort wieder raus. Denn ich wer im kulturellen Glashaus sitzt, wird sich weiterhin nicht in der hiesigen Gesellschaft zurechtfinden, weil er immer wieder zurück in seinen geistigen Bunker geht. Durch diesen Rückzug, wird derjenige im neuen Land nie ankommen. Aus dem Dilemma, können sich nur Betroffene selbst befreien. Da es Erwachsene schwieriger haben, das zu erkennen und zu akzeptieren (Beispiel meine Eltern), setze ich bei den Kindern und Jugendlichen an, weil sie noch ungeformt sind.

Du besuchst mit deinem Identitätsfindungsprogramm derzeit Schulen und Unis. Kannst du uns kurz erzählen was es mit diesem Programm auf sich hat und wie du dazu gekommen bist, dieses zu erschaffen?
Zu Beginn steht die Frage im Raum:“ Wer bin ich wirklich? „. Etwas grundlegendes, die sich jeder von uns im Laufe seines Lebens stellt und Antworten danach sucht. Und dieser Frage, gehe ich gemeinsam mit den Schülern auf den Grund, indem ich sie mitnehme auf die Reise in meine eigene Kindheitsvergangenheit bis hin zum Erwachsenenalter. Gemeinsam gehen wir die Phasen durch, wo ich mich innerlich zerissen gefühlt habe und wie ich aus diesem Teufelskreislauf später wieder raus gekommen bin und wie jeder Schüler es auch für sein eigenes Leben anwenden kann, unabhängig vom Migrationshintergrund. Der kulturelle Aspekt, ist in meinen Vorträgen sekundär, wenn nicht sogar an dritter, vierter Stelle. Im Vordergrund stehen die Gefühle und Gedanken und was sie mit einem machen, wenn man sich z.B einsam und allein fühlt und dieses Gefühl nicht nach aussen kommunizieren kann. Kinder haben häufig diese Scheu, so wie ich einst.
Gefühle steuern unser Leben und in der Kindheit entsteht alles, ob wir uns isolieren oder nicht. Ich sehe bereits heute junge Menschen, die auf der Strasse leben und das sogar in einer gehypten Stadt, wie Köln. Im Austausch mit Ihnen, führt die Spur auf ein kaputtes Elternhaus und Drogenkonsum in der Jugend zurück. Da ich selbst aus solch einem (Glas)Haus komme, möchte ich so vielen Schülern wie möglich ein Grundhandwerkzeug in die Hand geben, damit sie auf ihrem weiteren Weg bei emotionalen Problemen nicht aufgeben. So habe ich mir bewusst das Kapitel:“ Wer bin ich wirklich?“ ausgesucht und daraus ist das Programm entstanden. Am Anfang, hätte ich nicht gedacht, dass ich so viele Menschen erreiche. Mit der Zeit, wurden es mehr und am Ende solch eines Vortrags, bekomme ich im Austausch die Bestätigung, dass ich einigen helfen konnte. Das ist meine Mission. 

Welchen Stellenwert haben Bücher in deinem Leben und wie hat sich dieser im Laufe deines Lebens verändert?
In Zeiten, wo ich wirklich am Boden war, haben mir „Lebensratgeberbücher“ wirklich weitergeholfen. Auch wenn es sich komisch anhören mag, so ein richtig gutes Buch, kann einige Therapiestunden auf der Couch ersetzen. Da ich heute innerlich angekommen bin, greife ich nur noch zu Büchern, die ich entweder empfohlen bekomme oder die mich vom Thema wirklich interessieren und da ist alles dabei. Von Eckart Tolle „Jetzt“ bis hin zu Robert Geiss “ Von Nix kommt Nix“. Bücher bereichern meinen Horizont und manchmal lese ich auch, um mein geistiges Fernsehen zu unterhalten.

Welches Buch hat für dich eine wichtige Bedeutung und warum? Wem würdest du empfehlen, es zu lesen?
Schritte der Achtsamkeit“ von Thich Nhat Hanh, weil es mich damals, als ich komplett seelisch am Boden war mit 24 Jahren, mich aufgefangen hat. Ich habe das Buch zu dieser Zeit mehrmals durchgelesen und es hatte sich damals für mich, wie Balsam auf der Seele angefühlt. Ich würde es allen empfehlen, die ein warmes Bad aus Lavendel ihrer Seele göhnen wollen.

Wer sind die Menschen, denen du empfiehlst, dein Buch zu lesen? Warum sollte man es lesen?
Zunächst unterhalte ich mich mit Menschen allgemein über das Thema. Und wenn ich merke, dass da ein allgemeines Interesse ist,  unabhängig von der medialen Aktualität, die jeder Zeit verschwinden kann, erzähle ich etwas vom „Glashaus“. Und da ist vom Friseur bis zum Sozialarbeiter alle Berufsschichten dabei und deshalb habe ich es auch für alle geschrieben. Eine Sprache, die jeder versteht, ohne schnick schnack. Es eignet sich für alle, die neugierig sind einen Blick hinter die Kulissen zu werfen von jemanden, der einst Betroffen war und den Ausweg geschafft hat.

Wie bist du darauf gekommen, dieses Buch zu schreiben? Wo hat der Prozess begonnen?
Als ich den kompletten Zusammenbruch mit 24 Jahren hatte und auf mich allein gestellt war. Ich stand vor einer Sackgasse, wo es nicht mehr weiterging. Das war der Stirb und Werde Prozess, wo ich mich nochmal neu finden musste. Ein Punkt, wo ich endlich die Schnauze voll hatte, davon das es viel zu wenige gab, die mit dem Elternhaus ins Gericht gehen, ohne sie zu verurteilen. Es war ein Impulsgedanke von einer Bekannten, den ich dann in die Tat umsetzte. Ich sammelte alle Berichte und Beobachtungen zusammen, die ich seit meiner Geburt und in meinen Berufsjahren in Vereinen gemacht habe. Daraus ist dann das Werk entstanden.

Wie lange hast du an diesem Buch gearbeitet und was ist dir dabei am Schwersten oder am Leichtesten gefallen?
Ich hab es innerhalb von drei Monaten geschrieben. Als ich die Entscheidung getroffen hatte es zu machen, gab es keinen Weg mehr zurück. Am Schwersten war für mich die Anonymen Berichte, die ich über die Jahre von Betroffenen Jugendlichen gesammelt hatte, nochmal in meiner Erinnerung aufzurufen. Das ging manchmal wirklich an die Substanz. Was mir aber leicht durch die Feder ging, war die Adlerperspektive auf die kulturellen Strukturen, da diese mich bereits seit Kindheitstagen an gestört hatten.

Was waren die extremsten Reaktionen die du auf dieses Buch erhalten hast? Welche positiven, welche negativen?
Das die meisten Bio deutschen Leser meine Intention des Buches richtig erkannt haben. Und gleichzeitig mir vorwarfen, dass ich die deutsche Kultur viel zu sehr im positiven Rampenlicht darstelle, was aber auch mein Ziel war. Ich wollte, dass deutsche Leser mich in meiner bewussten provokanten positiven Ansicht korrigieren. Das haben sie gemacht und das schöne dabei war, dass sie Parallelen zogen, die ich in der Kultur meiner Eltern kritisiert habe. Was sehr mein Herz berührt hat, war der Brief einer Schülerin, die ich von ihren Ängsten befreien konnte, weil sie mir zugehört hat, während meines Vortrags.Da war ich wirklich sprachlos, als ich dieses Feedback bekam.
Es gab aber auch „Kritik“, wo nicht alle Leser mit meinen Ansicht einverstanden waren. Hier nahm ich die Worte auch ohne Bewertung meinerseits an, denn mir war vor der Veröffentlichung klar, dass es zu einem Buch zwei Seelen gibt. Die des Schreibenden und die des Lesenden. Jede Seele ist anders und das ist gut so.

Bleibt ‚Glashaus‘ dein einziges Buch oder sind weitere in Planung, vielleicht sogar schon in Arbeit?
Mein zweites „Glashaus“ ist im September fertig geworden. Da sass ich seit Beginn 2017 dran und ich muss zugeben, dass dieses neue Werk niemals entstanden wäre, wenn nicht vorher die ganzen Leserwünsche da gewesen wären, die noch mehr von meiner Geschichte wissen wollten, aber mit mehr Emotionen und Tiefe. Auch hier bekam ich einen letzten Impuls von einer Bekannten, der ich dankbar bin. Denn ohne das Neujahrsgespräch, hätte ich nicht das zweite „Glashaus“ geschrieben, worin meine komplette Biografie, samt den Erfahrungen drinstehen, die ich während meiner Zeit als Flüchtlingsbetreuer und später Leiter einer Notunterkunft gemacht habe. Hier spreche ich nochmal eine größere Zielgruppe an. Diejenigen, die in diesem Bereich tätig sind, weil ich neben meiner Story auch nützliche Tipps gebe für den Alltag, wie man in bestimmten Situationen sich verhalten kann. Nach dem zweiten Buch werde ich dann meinen damals angefangenen Roman zu Ende schreiben. Aber ich will nicht zu viel verraten, weil ich hab ja noch keinen Agenten und Verlag 🙂

Was möchtest du den Menschen aus Deutschland mit auf den Weg geben?
Keine Angst vor dem Fremden! Und wenn doch, die Angst wahrzunehmen und dennoch dem Neuen und Unbekannten eine Chance zu geben. Nur so kann Nähe und Verbindung entstehen. Am Ende wird die Angst verfliegen und man hat vielleicht eine neue Bereicherung fürs Leben.

Was möchtest du den frisch angekommenen Menschen im Asylzentrum mit auf den Weg geben?
Die alte Heimat loszulassen und endlich in Deutschland anzukommen.

»Im Glashaus gefangen zwischen Welten« bietet einen Einblick in das Leben von Migranten, die ihre Heimat verlassen haben, um im Exil einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.
Der Autor, befindet sich mit seinem „Identitätsfindungsprogramm“ derzeit auf Tour in Schulen und Unis. Dort geht er gemeinsam mit den Zuhörern auf die Reise in seine eigene Kindheitsvergangenheit, bis hin zum Erwachsenenalter. Im Fokus, steht die Beantwortung der Frage:“ Wer bin ich wirklich?“, wo er innerhalb des Vortrags die Antwort findet.

Am Beispiel der Jugend der in Deutschland lebenden Exil-Tamilen, zu denen er selbst gehörte, beschreibt der Autor Probleme und Hindernisse, die mögliche Gründe für eine verfehlte Integration sind. Von der einen Kultur in die andere gestoßen und in ihren Gefühlen verletzt, wissen sie oft nicht, wie ihr weiterer Weg verlaufen soll. Der Blick hinter die Kulissen ermöglicht betroffenen Migranten eine andere Sichtweise auf die Dinge und zeigt mögliche Wege auf.

Zum Autor: Deva Manick wurde 1987 mit srilankischen Wurzeln in Ratingen geboren. Er verbrachte seine Jugend bis zu seinem 19. Lebensjahr zu Hause. Mit dem Auszug begann seine Reise durchs Leben. Seit über 10 beschäftigt er sich mit dem Wandel verschiedener Kulturen in Deutschland. Dies gelang ihm durch den Austausch mit betroffenen Menschen,begleitet von zahlreichen Beobachtungen und persönlichen Erfahrungen mit dem Leben zwischen zwei Kulturen. Während der Flüchtlingskrise, die Deutschland im Jahre 2015 heimsuchte, konnte er als Betreuer und später Leiter einer Notunterkunft mit seiner tatkräftigen Unterstützung einen wertvollen Beitrag für die neu angekommenen Menschen in Deutschland leisten. Der Autor war lange Jahre im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit aktiv, um seine Forschungen und Beobachtungen, die er persönlich im Glashaus gemacht hat, zu widerlegen.

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